Wolf Singer erklärt, warum das Gehirn sich oft täuscht, wie man seine Aufmerksamkeit trainieren kann und wie LSD das Bewusstsein verändert.
London, ein Kongresshotel am Regent's Park. Draußen vor der Tür Pollenalarm und Dauerhupen, drinnen in der Lobby Musik, wo man geht und steht. Nur einer findet auf Anhieb eine ruhige Ecke: Wolf Singer, Deutschlands bekanntester Neurobiologe. Groß, schlank, elegant, weltmännisches Auftreten. Routiniert bestellt er "Tea for two". Was für eine Überraschung, als sich sein Gesicht auf einmal in ein frohes Grinsen auseinanderzieht. Haben Hirnforscher tatsächlich viel zu lachen?
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Prof. Dr. Wolf Singer, 66, leitet das Max-Planck-Institut für Hirnforschung in Frankfurt. Er gilt als einer der bekanntesten Hirnforscher Deutschlands. (© Foto: dpa)
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Süddeutsche Zeitung: Herr Singer, wie fühlt es sich an, ein drei Pfund schweres, festes Gelee, das denken kann, in der Hand zu halten?
Wolf Singer: Als Mediziner bekommt man so ein Gehirn, außer vielleicht in der Pathologie, eigentlich nie unfixiert in die Hand. Wenn, dann ist es in der Regel vorher in Formalin eingelegt gewesen, dadurch wesentlich fester als in vivo.
SZ: Manche vergleichen es mit einem weichen Ei ...
Singer: Vielleicht machen die Leute sich eher einen Begriff, wenn sie daran denken, wie sich Lunge anfühlt oder Leber. Das kennt man ja, weil man es beim Metzger kaufen kann. Das Gehirn hat eine ähnliche Konsistenz wie die Leber. Wenn man es als lebendiges Organ betrachtet, auf dem Operationstisch, unter dem Operationsmikroskop, dann besticht es durch seine Sauberkeit. Es ist ganz hell, glänzt, man erkennt die feinen Gefäße über der Großhirnrinde, in der Vergrößerung sieht man auch die Blutkörperchen durchziehen. Insgesamt macht es einen außerordentlich aufgeräumten, blitzsauberen Eindruck.
SZ: Ihre Stimme klingt zärtlich. Man hält ein Gehirn also eher mit Ehrfurcht als mit Achselzucken in der Hand?
Singer: Auf jeden Fall mit Ehrfurcht.
SZ: Das männliche Gehirn ist wohl nicht zufällig etwas weicher als das weibliche?
Singer: Das ist Unsinn. Vielleicht haben die Hirnhäute eine leicht andere Konsistenz, aber männliche und weibliche Gehirne haben eine völlig gleiche Substanz und Struktur: unzählige Nervenzellen, die miteinander zu einem dichten Netzwerk verknüpft sind.
SZ: Wir Menschen hängen an der Vorstellung, dass wir einen freien Willen haben. Diesen Glauben hat uns die Hirnforschung genommen. Wie also treffen wir dann Entscheidungen?
Singer: Im Gehirn gibt es Bewertungszentren, die fortwährend Erfahrungen und Zukunftsszenarien zusammenrechnen und die Ergebnisse auf ihre Stimmigkeit hin überprüfen. Das muss nicht immer zu optimalen Lösungen führen. Diese Zentren können sich durchaus täuschen, sie sind kein allwissender Beobachter.
SZ: Und wie Sie in Ihrem Buch "Der Beobachter im Gehirn" erklären ...
Singer: Es gibt eben nicht den einen Ort im Gehirn, an dem alle Informationen zusammenlaufen, wo die Sinnessignale einheitlich interpretiert werden, wo Entscheidungen fallen, wo die Zukunft geplant wird, wo das Ich sich konstituiert. Das ist die Lehre, die wir aus den neurobiologischen Erkenntnissen der letzten Jahrzehnte gezogen haben. Das Gehirn macht sich faszinierenderweise völlig falsche Vorstellungen über seine Verfasstheit.
SZ: Diese Erkenntnis kam nicht bei jedem gut an: Sie haben damit einen ziemlichen Wirbel verursacht und sich einen Rüffel von Jürgen Habermas geholt.
Singer: Das war auf einem Philosophenkongress in Essen, auf dem ich abends erzählt habe, wie wir Neurobiologen glauben, dass das Gehirn funktioniert. Das hat vor allem die Journalisten beunruhigt, die das dann später polemisch als Angriff auf das Selbstverständnis der Menschen und die Würde des Abendlandes wiedergegeben haben. Viele wollen halt die Welt anders sehen. Sie wollen die Unabhängigkeit des Geistigen, der Entscheidung und des Willens. Und das Gehirn als materielles Substrat soll dann lediglich ausführen, was der Wille vorgibt.
SZ: Nicht nur wir Journalisten verzichten ungern auf unseren freien Willen ...
Singer: Den gibt es aber nun mal aus der Sicht der Neurobiologen nicht, so wie wir uns das wünschen. Bei uns muss der neuronale, materielle Prozess vorgängig sein. Dazu gehört der Zustand des Körpers, ob der Zuckerspiegel hoch oder niedrig ist, gehören Argumente, die in neuronale Aktivität übersetzt werden müssen, um zu wirken. Dazu gehört auch alles, was im Gedächtnis abgespeichert ist, wie die moralisch-ethischen Inhalte, die sich als gutes oder schlechtes Gewissen manifestieren.
SZ: Erst nehmen Sie uns den Willen, dann soll der Zuckerspiegel entscheiden, wie wir handeln: Wir halten uns doch zugute, gerade durch unser Bewusstsein ein Sonderfall der Evolution zu sein.
Singer: Der Wille wird nicht in Frage gestellt, und wir sind in vielen Aspekten etwas Besonderes, sonst hätten wir der biologischen nicht die kulturelle Evolution hinzugefügt. Ein Teil dessen, was unsere Entscheidungen beeinflusst, wird vom Bewusstsein erfasst, und wir können begründen, warum wir dieses oder jenes getan haben. Sehr oft liegen viele der Gründe, die uns zu einer bestimmten Entscheidung bringen, jedoch im Unbewussten. Wenn wir gefragt werden, geben wir stets Gründe an, aber die müssen nicht die eigentlichen sein ...
SZ: ... und hinterher sitzt man dann da mit einem neuen Camping-Anhänger.
Singer: Zum Beispiel. Wir haben eben diesen Begründungszwang. Wir wollen, dass nichts ohne Ursache geschieht. Manchmal, wenn wir die eigentliche nicht erkennen, erfinden wir eine.
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Sparpaket
Die Behauptung von Herrn Singer, dass es den Freien Willen nicht gibt, ist basiert auf einer Reihe von Experimenten (das erste und bekannteste von Libet et al.), in denen festgestellt wurde, dass es Ströme im Gehirn gibt, die auftreten noch vor dem Zeitpunkt an dem die Versuchsperson angibt, sich entschlossen zu haben einen Knopf zu drücken. In anderen Worten: Jedes Mal, wenn der Gehirnstrom messbar ist, drückt die Person Sekundenbruchteile später den Knopf und die Zeit des rapportierten Entschlusses liegt nach dem Gehirnstrom. Weitere Ausführungen des Experiments mit zwei Knöpfen (Entscheidung nicht nur wann gedrückt wird, sondern auch welcher Knopf gedrückt wird) und anderen Methoden als EEG (nämlich fMRT; Soon et al.) wurden durchgeführt. Mit übereinstimmendem Ergebnis.
Meiner Meinung nach ist das Problem bei allen Experimenten jedoch, dass gar keine wirklich freie Willensentscheidung vorliegt. Die Anweisung an die Versuchspersonen lautete, dass sie zu einem beliebigen Zeitpunkt einen von zwei Knöpfen drücken sollten (bei den schon verbesserten Experimenten). Was ist an dieser Anweisung noch frei? Man kann sich lediglich zwischen zwei völlig bedeutungslosen Knöpfen entscheiden. Der Zeitpunkt ist durch die Gesamtlänge des Experiments begrenzt. Die Versuchspersonen mussten schon eine stattliche Anzahl von Knopfbetätigungen zusammenbringen, um ein verlässliches Resultat zu erhalten. Doch wer wartet schon mehrere Stunden oder noch länger bis er das nächste Mal drückt. Nein, vielmehr drückt man als Versuchsperson alle paar Sekunden. Da der Knopfdruck aber bedeutungslos ist, ohne jegliche Konsequenz, hat das alles nichts mit freiem Willen zu tun, es ist lediglich eine zufällige Aktion. Ein Wille erfordert, dass man in irgendeiner Weise eine tiefere Bedeutung an ihn knüpft. Die Experimente sind also an und für sich überhaupt nicht valide.
Also wird auch nicht nachgewiesen, dass die Materie Herr ist über den Geist und der freie Wille nicht existiert. Vielmehr gibt es tausende und abertausende Berichte von Menschen, die ganz andere Erfahrungen gemacht haben. So etwa aus dem Buddhismus, schamanischen Kulten, Nahtoderfahrungen (http://www.stern.de/wissen/mensch/nahtod-erfahrungen-forschung-zwischen-leben-und-tod-1511460.html) und vielen vielen mehr...
empfehlen kann, ist ein Buch von
1. John C. Eccles: 'Das menschliche Gehirn' und ergänzend dazu eines von
2. Umberto Maturana: 'Der Baum der Erkenntnis'
Beide Bücher behandeln und beschreiben die Funktionen und Funktionsweisen von Neuronen und Synapsen, ohne die man die Argumente von Prof. Singer überhaupt nicht verstehen kann.
Wenn man nach der Lektüre dieser Werke dann noch Appetit auf eine geradezu geniale Spekulation hat, empfiehlt sich da Buch
3. Roger Penroe: 'Schatten des Geistes', ab Kapitel 6, wenn man sich der quantenmechanischen Implikationen der beiden Bücher 1. und 2. begeben will.
Denn eines ist klar: Die operationale Basis unserer geistigen Existenz ist Materie ... und sonst nichts weiß ...
Kuni
in der Lage bin, ist, wie sich ein Gehirn in den Händen anfühlt (ob mit oder ohne Formalyn)............ ist und bleibt jedoch ein subjektives Gefühl.......
Ansonsten kann ich dem Beitrag wenig abgewinnen...
dessen Behauptungen hübsch klingen und auch von einfach strukturierten Personen leicht verstanden werden. Wahrscheinlich ein Argumentationserfolg, der auf der Zersäbelung vieler Gehirne beruht.
Welche wissenschaftliche Begründung hat denn das Bewußtsein beim toten, zersäbelfähigen Hirn? Entscheidungen unbewußt? Macht der Herr Singer da nicht ein paar unerlaubte Anleihen bei einer anderen Teilwissenschaft, deren Sinnhaftigkeit er ansonsten vehement bezweifelt?
Ich finde den Artikel unwissenschaftlich und von Profilsucht geprägt. Leute es gibt wirklich bessere Themen, auch im Sommerloch...
Daß das Gehirn nicht das Zentrum des Menschen ist, kann nur erfahren und nicht mit Denken erfasst werden - man kann sich aber bildlich schon eine Vorstellung machen: ein riesiger Stapel von Programmen - das bin nicht ich. Wer aber bin "ich" dann? Es gibt keine Antwort aus dem Ärmel, aber es lohnt sich, sich auf die Suche zu machen . . .
Diese Erkenntnis hat (für unser Ego) so etwas von der Bedeutung wie seinerzeit die Entdeckung von Galileo Galilei, dass die Erde nicht das Zentrum des Universums ist.
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