Wölfe Karl der Große sagte dem Wolf den Kampf an

Spätestens im Mittelalter jedoch vergiftete sich das Verhältnis. Die Landwirtschaft breitete sich nach dunkleren Jahrhunderten wieder aus, die Bevölkerung wuchs. Moore wurden zu Weideflächen, Wälder mussten weichen oder waren für den Adel zum Jagen reserviert. Mit der Zeit wurde es eng für den Wolf, die Jäger teilten das Wild ungern. Und er lernte schnell, sich bei denen zu bedienen, die schlechter bewaffnet waren. Die Herden der Bauern waren vergleichsweise leichte Beute. Doch der Wolf musste dafür teuer bezahlen. Bereits 813 erließ Karl der Große ein Gesetz, nach dem jeder Graf zwei Wolfsjäger zu ernennen hatte, die Luparii, denen ein Grundgehalt in Form eines Anteils an der Getreideernte zustand.

Die Luparii, später Louvetiers genannt, gibt es in Frankreich bis heute. Inzwischen sind es Ehrenamtliche, die zwischen Landwirtschaft und Jagd vermitteln, tollwütige Tiere töten und die Wildbestände überwachen. Früher aber führten sie einen permanenten Feldzug gegen die Wölfe. Nur zweimal unterbrachen sie ihre Tätigkeit je zehn Jahre lang; erstmals zwischen 1395 und 1404, als mitten im Hundertjährigen Krieg das Geld knapp war.

Aber Kriegszeiten waren damals immer auch Wolfszeiten, das galt im Hundertjährigen ebenso wie später im Dreißigjährigen Krieg. Wo Siedlungen verödeten und Leichen als Futter dienten, vermehrten sich Wölfe. Mitte des 15. Jahrhunderts kamen sie sogar bis nach Paris und sollen dort auch Menschen angegriffen haben. In dieser Zeit entstand die Vorlage für das Märchen von Rotkäppchen und dem bösen Wolf. Die Psychoanalytiker Erich Fromm und Bruno Bettelheim haben sich daran abgearbeitet, und es ist ihnen gelungen, viel Sex hineinzuinterpretieren. Der Wolf bleibt trotzdem eindeutig der Böse in der Geschichte.

Damals begannen auch die Werwolfprozesse. Bis Ende des 17. Jahrhunderts wurden viele Männer gefoltert und verbrannt, weil sie sich angeblich in Wölfe verwandelt hätten. Als Beleg für solche Verwandlungen führt der Jurist Jean Bodin in einer Schrift von 1580 andere Urteile an - und die Foltergeständnisse: "Zumal alle solchen halbviehischen Wandelmenschen einmütiglich gestehen, dass sie ihre Rede und Sprache dann gänzlich verlieren", schreibt er. Zweifel an der Lykanthropie oder "Wolfssucht" lässt Bodin nicht gelten: Es gehöre viel dazu, "dass man alle Völker der Welt, alle Historien, ja sogar die Heilige Schrift wollte der Lüge strafen".

Die historischen Berichte über Wölfe, die massenhaft Menschen anfallen und töten, lassen sich nur schwer belegen. Wolfsforscher Zimen zweifelte grundsätzlich daran, ob es so etwas bei gesunden Wölfen wirklich je gegeben hat. Das norwegische Institut für Naturforschung hat 2002 die Geschichte von Wolfsattacken auf Menschen untersuchen lassen. Für Europa fanden die Wissenschaftler in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts gerade neun tödliche Angriffe, in fünf davon hatten die Wölfe Tollwut. Aber das ist eine Frage der Lebensbedingungen. Die meisten Wölfe scheuen die Menschen. Aber wie bei Bären oder Tigern gibt es immer wieder einzelne Tiere, die sich leichte Beute in der Zivilisation suchen. In manchen dicht bevölkerten, wildarmen Gegenden Indiens etwa gibt es immer noch tödliche Wolfsangriffe. Und in Südfrankreich wütete um 1764 die "Bestie vom Gévaudan", die mehr als 100 Menschen getötet und teils gefressen haben soll. Der Terror hörte erst auf, als zwei riesige Wölfe getötet worden waren. In einem Bericht heißt es: "Es schien ein Wolf zu sein, doch ein sehr außergewöhnlicher und sehr verschieden von den anderen Wölfen dieser Gegend. (. . .). Sein Kopf ist ungeheuerlich." Möglicherweise waren das jedoch verwilderte Mischlinge von Wolf und großem Hirtenhund. Sicher ist aber, dass viele Gemeinden früher Schieß- und Fangprämien zahlten, um der Plage Herr zu werden.