Wölfe Vergiftetes Verhältnis

Die Zahl der Wolfsrudel in Deutschland wächst wieder

(Foto: dpa)

Die Wölfe sind zurück in Deutschland, ihre Zahl wächst. Das freut nicht jeden: Kaum ein anderes Raubtier hat der Mensch so gefürchtet. Über die Geschichte einer Urangst.

Von Marlene Weiß

Die Boten kamen am Abend des 14. November 1830. Lärmend ritten sie durch die kleine Stadt Tamworth am Fuße der White Mountains im Nordosten der USA. Zahllose Wölfe seien aus den Bergen herabgekommen und trieben sich in den Wäldern herum, meldeten sie. Alle tauglichen Jungen und Männer sollten bis zum Tagesanbruch dorthin kommen.

Und sie rückten an, 600 wütende Bewohner, bewaffnet mit Gewehren, Heugabeln und Knüppeln. Rund um den Wald entzündeten sie Feuer und stellten Wachposten auf. Ein Kreis von Schützen rückte immer weiter zwischen den Bäumen vor. "Der Knall der Gewehre und das unheimliche Heulen der Wölfe waren ohrenbetäubend", schrieb der Park-Ranger Charles Beals später. Einige der panischen Tiere konnten die Linien durchbrechen und zurück in die Berge fliehen. Vier große Wölfe wurden aber erschossen und unter Siegesrufen ins Dorf gebracht, wo die Frauen jubelnd ihre Taschentücher schwenkten.

Die "Schlacht von Tamworth" war Teil eines jahrhundertelangen Ausrottungsfeldzugs, der in weiten Teilen der Welt recht erfolgreich war. Kaum ein Tier wurde je so gehasst und so erbarmungslos verfolgt wie der Wolf. Aber so ganz war ihm nicht beizukommen, dafür ist er dem Menschen zu ähnlich: in seiner Intelligenz, seiner erstaunlichen Anpassungsfähigkeit, seinem Sozialverhalten. Und so ist heute eine erstaunliche Bewegung zu beobachten: Der Wolf kehrt zurück, auch nach Deutschland. Im Jahr 2000 wurden die ersten Welpen in Sachsen geboren, inzwischen leben auch in Brandenburg, Sachsen-Anhalt und Niedersachsen Rudel. Und vielleicht ist der Rüde, der kürzlich in Bayern gesichtet wurde, die Vorhut für eine dauerhafte Besiedlung im Freistaat - irgendwann wird es sicher so weit sein, eher früher als später.

Warum Kriegsjahre immer auch Wolfsjahre waren

Ob das eine gute Nachricht ist, darüber gehen die Meinungen auseinander, noch heute. Als Markus Bathen, Wolfsbetreuer beim Naturschutzbund Nabu, 2002 sein erstes Praktikum in der Wolfsbetreuung in Sachsen machte, war das Tier dort eben erst wieder heimisch geworden. "Für mich war völlig klar, man muss sich darüber freuen", sagt er. Weil der Wolf zum Ökosystem dazugehöre.

Doch schon in der ersten Woche saß Bathen in einer Bürgerversammlung, wo die Leute forderten, die Wölfe müssten abgeschossen werden, weil sie Schafe gerissen hatten. Der Wolf ist EU-weit geschützt. Nur in Ausnahmefällen erlauben die Behörden, Wölfe zu schießen, in Schweden hat ein Gericht die Jagd wieder gestoppt. Solche Vorbehalte wären früher undenkbar gewesen. Der Wolf galt lange als Erzfeind der Zivilisation. Und das, obwohl er wahrscheinlich einst das erste Tier war, aus dem eine zahme Art gezüchtet wurde. Gebracht hat ihm das wenig: Während der Hund fortan als enger Freund an der Seite des Menschen trottete, wurde der Wolf immer unbeliebter.

Die Geschichte von Wolf und Mensch ist die einer schleichenden Entfremdung. In der nordischen Mythologie zeigt sich immerhin noch Respekt vor ihm: Odin ließ sich von den Wölfen Geri und Freki begleiten, wird allerdings beim Weltuntergang vom riesigen Fenriswolf verschlungen. Auch bei den Griechen kommen Wölfe nicht so schlecht weg: Zeus' mit den Zwillingen Apollo und Artemis schwangere Geliebte Leto etwa verwandelt sich in einer Variante der Geschichte in eine Wölfin, um der eifersüchtigen Göttin Hera zu entgehen. Und die Römer verehrten die Wölfin, welche die in einer Kiste auf dem Tiber ausgesetzten späteren Stadtgründer Romulus und Remus gesäugt haben soll; der Wolf war für sie ein Symbol des Kriegsgottes Mars.

Vielleicht war der Ruf der Wölfe damals noch vergleichsweise gut, weil es in der städtisch geprägten Gesellschaft der Antike weniger Konflikte zwischen Mensch und Wolf gab. Was die Hirten und Bauern auf dem Land von den Überfällen der Tiere hielten, hat eben kaum jemand überliefert. So jedenfalls erklärte es sich der 2003 gestorbene Wolfsforscher Erik Zimen in seinem Buch über den Wolf.