Wissenschaftspolitik in den USA "Darwin for Congress"

Ausgerechnet im Wissenschaftsausschuss des US-Repräsentantenhauses sitzen etliche Politiker, die an die biblische Schöpfungsgeschichte glauben und den Klimawandel für eine Erfindung halten. Aus Protest dagegen hat der Biologe James Leebens-Mack eine Facebook-Kampagne gestartet - mit beachtlichem Erfolg.

Von Markus C. Schulte von Drach

Überraschend viele US-Bürger finden, dass Charles Darwin ein wertvolles Mitglied des US-Kongresses wäre.

(Foto: Scherl)

Als der erzkonservative republikanische Abgeordnete Paul Broun aus Georgia zur Wiederwahl antrat, hatte er eigentlich keinen Gegenkandidaten. Doch dann erklärte er im Oktober öffentlich: "All das, was ich einmal gelernt habe über Evolution, Embryologie und die Urknalltheorie, sind Lügen direkt aus dem Pfuhl der Hölle."

Und plötzlich bekam Broun Konkurrenz: Tausende US-Bürger im Landkreis Athens-Clarke schrieben einen anderen Namen auf den Wahlzettel: Charles Darwin.

Natürlich waren es reine Proteststimmen - schließlich ist der Brite Darwin seit 1882 tot. Aber genau darum ging es hier: "Die Protestwahl soll ganz klar zeigen, dass es eine Menge Leute im Bezirk gibt, die mit antiwissenschaftlichen Äußerungen nicht glücklich sind", erklärte James Leebens-Mack der Online-Seite ScienceInsider.

Der Biologe von der University of Georgia in Athens hatte eine Facebook-Kampagne gestartet: Darwin for Congress. Die Bürger sollten auf dem Wahlzettel in die Spalte für Namensvorschläge den Evolutionsforscher Darwin eintragen.

Kandidaten, die auf diese Weise an den Wahlen teilnehmen, bekommen meist nur wenig Stimmen, berichtet die Zeitung The Atlantic. Darwin konnte also einen beachtlichen Erfolg erzielen: Mehr als 4000 US-Bürger stimmten für ihn. Auch wenn er selbst als lebender Amerikaner die Wiederwahl Brouns so nicht gefährdet hätte - der Republikaner holte in Athens-Clarke allein fast 17.000 Stimmen - ist der Protest bemerkenswert. Außerdem gibt es 24 weitere Landkreise in Georgia, in denen die Stimmen für den berühmten Wissenschaftler nicht gezählt wurden. "Die Zahl könnte also noch deutlich größer sein", sagt Leebens-Mack.

Dass der Forscher gerade zur Wahl Darwins aufgerufen hatte, hängt damit zusammen, dass Paul Broun nicht nur ein Kreationist und überzeugt davon ist, dass Gott die Erde vor 9000 Jahren in sechs Tagen erschaffen hat. Er sitzt zudem ausgerechnet im Wissenschaftsausschuss des Repräsentantenhauses. Das United States House Committee on Science, Space and Technology ist zuständig für Organisationen wie die Raumfahrtbehörde Nasa, das Energieministerium, die Umweltschutzbehörde EPA und die Ozeanografie- und Wetterbehörde NOAA.

Broun ist nicht der einzige Politiker dort, der ausgesprochen wissenschaftsfeindliche Überzeugungen hegt. So ist Sandy Adams, Republikanerin aus Florida, überzeugt, dass der Mensch erschaffen wurde, wie es in der Bibel steht. Lehrer sollten ihrer Meinung nach auch Theorien lehren dürfen, die im Gegensatz zur Evolution stehen. 2008 unterzeichnete sie in Florida einen entsprechenden Gesetzesentwurf.

"Klimawandel ist Quatsch"

Ein anderes Thema, bei dem etliche Politiker in dem Ausschuss - darunter auch Broun und Adams - den allgemein anerkannten wissenschaftlichen Erkenntnissen widersprechen, ist der Klimawandel. Dana Rohrabacher, Republikaner aus Kalifornien etwa stellt auf seiner Homepage klar: "Ich glaube nicht, dass Kohlendioxid eine Ursache der globalen Erwärmung ist."

Zu den Klimaskeptikern gehört auch der Vorsitzende des Ausschusses, der Republikaner Ralph Hall aus Texas. Er geht davon aus, dass Klimawissenschaftler mit der Idee von der Erderwärmung versuchen, an öffentliche Gelder zu kommen.

Auch der Republikaner Jim Sensenbrenner aus Wisconsin, Vize-Vorsitzender des Gremiums, macht lieber Sonneneruptionen für den Klimawandel verantwortlich als die Menschheit.

Mo Brooks, Republikaner aus Alabama, hält die Erderwärmung für eine Idee der Linken. Schließlich "können wir nicht kontrollieren, was Gott kontrolliert". Und Dan Benishek, Republikaner aus Michigan, erklärte der Washington Post zufolge die ganze Idee vom Klimawandel zum "Quatsch".

Besonderes Aufsehen erregte kürzlich auch das Ausschussmitglied Todd Akin aus Missouri. Der Republikaner ist überzeugt davon, dass der weibliche Körper in der Lage ist, eine Schwangerschaft nach einer Vergewaltigung zu unterbinden. Auch Roscoe Bartlett, Republikaner aus Maryland, hat darauf hingewiesen, dass es nur "sehr wenige Schwangerschaften nach Vergewaltigungen" gebe.

Auffällig ist, dass es in dem Ausschuss jedes Mal Republikaner sind, die durch antiwissenschaftliche Äußerungen Aufsehen erregen. Lediglich Ralph Hall gehörte einmal zu den Demokraten. Inzwischen hat er jedoch die Seiten gewechselt.

Die massive Ablehnung wissenschaftlicher Erkenntnisse ausgerechnet von neun der 36 Mitglieder des United States House Committee on Science, Space and Technology erscheint allerdings nur auf den ersten Blick überraschend. Denn ein Großteil der US-Bürger teilt die Überzeugung dieser Politiker. Mehr als 40 Prozent gehen davon aus, dass Gott die Erde vor einigen Tausend Jahren geschaffen hat. Und etwa ein Drittel der Amerikaner glaubt, dass der Mensch für den Klimawandel keine Rolle spielt.

Der Erfolg der Kampagne "Darwin for Congress" zeigt eindrucksvoll, wie sehr religiöse Fragen die amerikanische Gesellschaft spalten.