Wissenschaftsgeschichte Genie und Schnipsel

Leibniz ist einer der wichtigsten deutschen Gelehrten, berühmt für sein mathematisches Werk. Doch sein Nachlass birgt Überraschungen - er war wohl noch viel genialer als bislang gedacht.

Von Kathrin Zinkant

Wer den Gelehrten Leibniz in Berlin sucht, muss viele Treppen steigen, Gänge entlang laufen und einen Hof überqueren, bis er das richtige Zimmer erreicht. Der kleine Raum scheint aus der Zeit gefallen, mit seinen alten Holzschränken und einem runden Esstisch, auf dem ein großer Stapel Papier liegt. Es sind Handschriften aus Leibniz' Feder. Nicht die echten, sondern sehr gute Kopien, die das Original jeweils bis zur Blattkörnung detailliert wiedergeben. Und Gottfried Wilhelm Leibniz selbst ist auch nie hier gewesen. Dazu ist das Gebäude gar nicht alt genug. Trotzdem kann man sich den letzten Universalgelehrten gut an diesem Ort vorstellen. Wie er mit seiner Perücke auf dem Kopf hereintritt, sich an den Tisch setzt, nach den Bögen greift - und anfängt, das Papier mit Wörtern, Zeichnungen und Anmerkungen zu füllen.

370 Jahre alt wäre Leibniz am gestrigen Freitag geworden, im November folgt sein 300. Todestag. Das ganze Jahr über wird deshalb gefeiert in Berlin und Hannover, und eines großen Naturphilosophen gedacht. Leibniz hat mit der Integral- und Differenzialrechnung die Grundlagen der modernen Mathematik geschaffen. Er legte mit der Entwicklung des binären Zahlencodes das Fundament für die Computer. Er konstruierte sogar eine Rechenmaschine - vor mehr als 300 Jahren! Er befasste sich mit Sprachen, Fossilien, Rechtsfragen. Angestellt bei Hofe war er als Historiker. Dazu gilt Leibniz als einer der führenden Denker der Aufklärung. Er verfasste eine Rechtfertigung Gottes und suchte mit seiner bis heute rätselhaften Monadentheorie die Existenz von Geist und Materie miteinander zu versöhnen.

Er übermalte angefangene Briefe, kritzelte auf Umschläge, beschriftete Papierfetzen

Das reicht eigentlich schon für mehrere Gelehrtenleben. Doch der Mensch, der sich jetzt wirklich über den Papierstapel in dem kleinen Zimmer der Berlin-Brandenburgischen Akademie der Wissenschaften beugt, weiß nur zu gut: Das Werk von Leibniz ist zu einem großen, wenn nicht größten Teil unbekannt. Harald Siebert leitet die Berliner Leibniz-Edition, er gehört zu jener Gruppe von Wissenschaftlern, die den Nachlass von Leibniz in vier Arbeitsstellen bearbeiten - oder "edieren", wie es heißt. Im Kern geht es um insgesamt 200 000 Seiten handbeschriebenes Papier. Darauf steht fast alles, was Leibniz nicht veröffentlich hat. Und das ist viel. Viele Gedanken, Berechnungen, Themen, von denen niemand weiß, was sie noch an Genialität zutage fördern. "Dieser Nachlass", sagt Siebert, "ist eine Blackbox."

Und zu allem Überfluss eine ziemlich unordentliche. Denn Leibniz, dessen Schreibwut ungefähr so groß gewesen sein muss wie sein viel gerühmtes Genie, schrieb nicht einfach Blätter voll. Er übermalte angefangene Briefe, kritzelte auf Umschläge, beschriftete Schnipsel, strich großzügig ganze Absätze durch und machte sich Notizen auf Seitenrändern, selbst wenn das eigentliche Schriftstück mit der Notiz gar nichts zu tun hatte. In der Randspalte eines Textes über Reibung hielt Leibniz neben einigen Anmerkungen sogar einen Essensplan fest, in dem er sich unter anderem "zwei Würste" notiert (siehe Grafik). "Gekritzelt wurde von den Gelehrten damals grundsätzlich viel und auf allem, was gerade zur Hand war", sagt Siebert. Es ist jedoch nur ein geringer Trost, dass Leibniz seine Zeitgenossen mit der chaotischen Schriftführung einmal nicht überragte. Für die Edition eines so umfangreichen Nachlasses bleibt die Krakelei eine Hürde.

Eine erste Erleichterung, immerhin, hat die Digitalisierung gebracht. Vor zwölf Jahren wurde ein Teil des Nachlasses gescannt, er kann seither auch unabhängig vom Ort bearbeitet werden. Die sogenannten Digitalisate lösen jedoch noch nicht alle Probleme. Eines besteht darin, dass Leibniz selbst Ordnung schaffen wollte. Und zwar mit der Schere. Er zerschnitt Seiten zu Schnipseln und sortierte sie thematisch auf kleine Stapel. Was für den Denker sicher nützlich war, ist für die Forschung ein Fluch, weil weder die Stapel noch existieren noch die Seiten, zu denen die Schnipsel einst gehörten. Und nur die Schnipsel lesen zu können reicht nicht. Es ist fast wie mit den Genen im menschlichen Erbgut. Selbst wenn eines Tages die letzten Stücke dieses Codes gelesen sind, muss man immer noch wissen, in welcher Reihenfolge und wo genau sie liegen. Sonst kann man ihre Bedeutung gar nicht ergründen. Bei Leibniz ist das ähnlich. Und bei ihm kennt man, wenn alles endlich gelesen und sauber abgeschrieben ist, noch nicht einmal die Chronologie der Schriftstücke, ob nun ganze Seiten oder Schnipsel. Wie hängen sie zusammen? Was schrieb Leibniz zuerst, wann strich er was wieder durch, zu welchem Zeitpunkt ergänzte er? Kurzum: Auf welche Weise dachte dieser Mann?

Um zumindest eine Idee von der Gedankenwelt des Universalgenies zu bekommen, müssen die kleinen Zettelchen erst wieder in ihren ursprünglichen Zusammenhang gebracht werden. Die Edition profitiert in der Schnipselfrage von einem Projekt, das ursprünglich die geschredderten Unterlagen der Stasi zum Gegenstand hatte. Gemeinsam mit dem Berliner Softwarespezialisten Musterfabrik entwickelte das Fraunhofer Institut für Produktionsanlagen und Konstruktionstechnik (IPK) eine Methode, mit der sich die Papierfetzen im Hochdurchsatz scannen und dann am Rechner wieder zusammenfügen lassen. Das Konzept wird jetzt auf den Zettel-Nachlass von Leibniz übertragen. Bis zum kommenden März sollen mithilfe von Massenscans und einer speziellen Erkennungssoftware fast 10 000 Seiten mit mathematischen Notizen aus dem Nachlass zusammengepuzzelt und im Textzusammenhang fertig rekonstruiert werden. Das Leibniz-Schnipsel-Projekt bleibt mühselig, wird aber dabei helfen, tiefere Einsichten in das Werk von Leibniz zu gewinnen.

"Man befasst sich stark mit den Themen, die Leibniz damals in Fachzeitschriften publiziert hat", sagt Harald Siebert. Doch was die Gelehrten der Gegenwart inzwischen aus dem Nachlass von Leibniz extrahiert haben, reicht schon jetzt für einen neuen, überraschenden Blick auf das, was der letzte Universalgelehrte noch in der Pipeline hatte.

So hatte sich der Mathematiker, Physiker und Philosoph Leibniz sehr intensiv für Medizin interessiert. Akribisch schrieb er aus dem Nachlass von René Descartes Arbeiten über Anatomie ab und kopierte bändeweise medizinische Fachliteratur. Was er damit vorhatte, ist unbekannt. "Ich kann mir vorstellen, dass Leibniz sein Konzept einer organisch strukturierten Materie mit Erkenntnissen aus der Medizin unterfüttern wollte", spekuliert Siebert. Unbekannt war auch, wie viel Zeit Leibniz in die Reibungstheorie investierte. Diese Form des Energieverlustes ist ein wichtiges Phänomen in der Physik und Technik, das vor Isaac Newtons Principia von 1687, dem Grundwerk der klassischen Mechanik, kaum Beachtung fand. Leonardo da Vinci hatte zwar bereits Ende des 15. Jahrhunderts Gesetze zur Reibung formuliert, aber nie veröffentlicht. Sie wurden erst 1699 vom französischen Erfinder Guillaume Amontons publiziert. Leibniz selbst hat über die Reibung wenig und erst spät veröffentlicht, aber schon im Nachlass der 1670er-Jahre findet sich eine intensive Auseinandersetzung mit dem Phänomen.

Wahrscheinlich haben Liebe und Heirat einfach keine große Rolle für ihn gespielt

Außerdem interessierte sich Leibniz sehr dafür, wie Kräfte auf ruhende Körper oder auch Luft wirken. Die Bruchfestigkeit und Faserstruktur von Holzbalken fand er offenkundig faszinierend. Sein Interesse für die Elastizität von festen oder gasförmigen Stoffen führte ihn in seinen Aufzeichnungen schließlich zu einem weiteren Themengebiet, auf dem er aus heutiger Sicht wohl seiner Zeit voraus gewesen ist: der Verbreitung von Schall in der Luft. So fand er eine Erklärung dafür, warum Töne ihre Höhe nicht verändern, wenn sie sich in der Luft fortbewegen. "Man kann bei vielen Ideen nicht sicher sagen, ob Leibniz sie wirklich als erster hatte", sagt Harald Siebert. "Er hat auch das binäre Zahlensystem, das später grundlegend für die Entwicklung von Computern war, nicht erfunden." Aber wie bei seinen Arbeiten zur Logik, die fast die gesamte spätere Entwicklung des Feldes vorwegnahmen, ist es wohl kein Zufall, dass in den Handschriften und Briefen von Leibniz viele Fragestellungen auftauchen, für die früher oder später andere Wissenschaftler berühmt wurden. Leibniz nutzte sein Korrespondentennetzwerk, um seine Gedanken weit zu streuen. Was geschah mit diesen Impulsen, welche Wege nahmen sie, und worauf nahm Leibniz damit indirekten Einfluss? "Die Wirkung von Leibniz ist wissenschaftshistorisch noch vielfach ungeklärt", sagt Siebert. "Es wird noch zu verstehen sein, wie weit sein Einfluss reichte."

233 Kilometer Durchmesser

hat der Einschlagkrater auf dem Mond, der 1970 auf den Namen Leibniz getauft wurde. Er ist wohl das größte nach dem Gelehrten benannte Objekt, neben einem Asteroiden im Hauptgürtel zwischen den Planeten Mars und Jupiter sowie dem 5797 Meter hohen Pik Leibniz im Pamirgebirge im Grenzgebiet zwischen Kirgisistan und China. Der Supercomputer HLRN-III in Hannover hingegen trägt nur den Vornamen Gottfried. Auch der besser bekannte, 1891 entwickelte, trockene Keks wurde tatsächlich nach Leibniz benannt.

Es gibt noch andere ungeklärte Fragen, nicht zuletzt die, ob Leibniz so etwas wie ein Privatleben hatte. Gegessen und getrunken hat Leibniz, das beweisen die Flecken und Speisereste auf seinen Schriften. Wer aber einen romantischen Leibniz sucht, findet nichts. Der Leibniz-Biograf Eike Christian Hirsch hat versucht, Leibniz ein paar zarte Gefühle zur späteren Königin von Preußen, Sophie Charlotte, zuzuschreiben. Doch überliefert sind, zumal romantische Briefe zu Leibniz' Zeiten ohnehin nicht üblich waren, kaum Hinweise auf derlei Regungen. Beschreibungen seiner äußeren Gestalt lieferte Leibniz in einigen Beschreibungen vornehmlich selbst. Wie die zahlreichen Frauen, mit denen er sich Briefe schrieb, ihn als Mann sahen, lässt sich nicht erkennen. Vermutungen, Leibniz sei homosexuell gewesen, hat es später auch gegeben, wie so oft, wenn sich weit und breit keine Frau entdecken lässt. Michael Kempe, der die Arbeitsstelle beim Leibniz-Archiv in Hannover leitet, betont jedoch, dass es damals üblich war, als Gelehrter allein zu bleiben. "Liebe und Heirat haben für Leibniz wohl einfach keine große Rolle gespielt." Er soll jenseits seiner 50 Jahre kurz darüber nachgedacht haben, dass man ja "mal heiraten könne". Womöglich fühlte er sich dann doch zu alt.

Was aber hätte der alte Leibniz zu der Würdigung gesagt, die ihm an diesem Samstag in Berlin zuteilwird? Auf dem Hausvogteiplatz in Mitte erhält der Präsident der Leibniz-Gemeinschaft, Matthias Kleiner, am Nachmittag eine Urkunde. Eine im British Museum of Natural History gefundene, bislang unbekannte Spezies wird Oodora leibnizi getauft. Endlich ein "lebendes Denkmal" - nach all den Keksen, Straßen, Kratern, Bergen und Asteroiden des Hauptgürtels, die schon mit Leibniz' Namen verziert wurden. Wäre da bloß nicht die Wahl des Denkmaltiers: Oodora ist eine winzige, unansehnliche, parasitär lebende Wespe, die in Käferlarven brütet und sie von innen auffrisst. Das wird den Verehrern von Leibniz kaum schmecken. Leibniz selbst aber hätte im Angesicht des hässlichen Insekts bestimmt nicht geklagt. Sondern ein Stück Papier genommen. Und angefangen zu schreiben.