Wissenschaftsgeschichte Die Erdenkung Amerikas

Der vergessene Mathematiker Abu Raihan al-Biruni war einer der größten Gelehrten der Historie. Nun finden sich Belege, dass er schon vor tausend Jahren die Existenz des amerikanischen Kontinents erahnte - lange vor Christopher Kolumbus.

Von Richard Stone

Er war ein Renaissance-Mensch, lange bevor die Renaissance überhaupt begann. Abu Raihan al-Biruni wurde vor gut 1000 Jahren in der Oasenstadt Kath im heutigen Usbekistan geboren und war einer der größten Gelehrten seiner Zeit. Er berechnete mit erstaunlicher Genauigkeit den Umfang der Erde, und er erfand ein Verfahren, Materialien nach ihrer relativen Dichte im Vergleich zu Wasser zu bestimmen. Er zog das Wissen dem Glauben vor, widersprach den Schöpfungslehren der Kreationisten und erklärte, dass die Zeit weder Anfang noch Ende habe. Fünf Jahrhunderte vor Kopernikus argumentierte er, die Sonne sei das Zentrum des Sonnensystems.

Jetzt hat ein einflussreicher Historiker eine weitere Geistesleistung zu der beeindruckenden Liste hinzugefügt: al-Biruni, der nie ein Meer gesehen hat, schloss aus theoretischen Erwägungen auf die Existenz Amerikas. Weil die bekannte Welt seiner Zeit nur zwei Fünftel der von dem asiatischen Wissenschaftler berechneten Weltkugel ausmachte, erwartete er eine weitere Landmasse zwischen der europäischen Atlantik- und der asiatischen Pazifikküste.

In der Forschung ist seit Langem heftig umstritten, wer denn Amerika tatsächlich "entdeckt" habe. Manche Autoren verweisen auf jene vorhistorischen Völker, die von Sibirien aus über die Beringstraße Alaska erreichten. Andere plädieren für Seeleute aus Skandinavien, die um das Jahr 1000 Nordamerika betreten haben dürften. Genannt werden zudem die Italiener Cristoforo Colombo und Giovanni Caboto, die 1492 und 1497 im Auftrag spanischer und englischer Monarchen karibische Inseln und das Festland erreichten. Aber auch al-Biruni verdiene es, "die Krone des Entdeckers zu tragen", sagt Frederick Starr von der Johns Hopkins School for Advanced International Studies in Washington DC. "Seine Werkzeuge waren keine hölzernen Boote, die von Muskelkraft oder Segeln angetrieben wurden, sondern eine geschickte Kombination von sorgfältiger Beobachtung, akkurat gesammelten Daten und klarer Logik."

Diese Argumentation überzeugt nicht alle Experten. "Es gibt heute eine Tendenz, zu viele moderne Entdeckungen aus den Arbeiten von Wissenschaftlern des Mittelalters herauszulesen", sagt Jan Hogendijk, eine Autorität zu Biruni-Fragen an der Universität Utrecht. Und Nathan Sidoli, Wissenschaftshistoriker von der Weseda-Universität in Tokio, ergänzt: "Wir sagen ja auch nicht, dass Kopernikus ,entdeckt' hat, dass sich die Erde um die Sonne dreht, nur weil er vermutet hat, dass es so ist." Aber andere Forscher bestätigen die Ansicht, dass al-Biruni Anerkennung für seine Vorhersage verdient. "Falls wir die zentralen Passagen in seinen Texten richtig verstehen, sehe ich keinen Grund, ihn nicht auf die Liste der frühen ,Entdecker' Amerikas zu setzen", argumentiert Robert van Gent, ein Spezialist für die Geschichte der Astronomie, ebenfalls aus Utrecht. Wie Starr besuchte er vor Kurzem eine Tagung über das mittelalterliche Zentralasien in Samarkand. Die Stadt in Usbekistan liegt an der alten Seidenstraße und ist eine der ältesten der Welt.

Al-Biruni gehörte zu einer Gruppe asiatischer Gelehrter, die von 800 bis 1500 nach Christus eine "östliche Renaissance" anführten. Sie begründeten Prinzipien der Trigonometrie und Algebra (von al-gabr, arabisch für das Ergänzen), entwickelten Algorithmen und Astrolabien sowie die Grundlagen moderner Medizin. "Sie waren gewaltige Denker", sagt Frederick Starr. "Aber ihre überschäumende Produktivität ist unserer Aufmerksamkeit im Westen fast völlig entgangen."

Der Forscher aus Washington ist gelernter Archäologe, er kennt Zentralasien von Dutzenden Reisen. Er gehört zu den führenden Figuren einer akademischen Bewegung, die die östliche Renaissance und ihre Entstehungsbedingungen dokumentieren will. Die Menschen, die seinerzeit an der Schnittstelle der europäischen, arabischen, indischen und chinesischen Kulturen lebten, wurden schnell zu unvergleichlichen Händlern. Und dafür mussten sie rechnen können. "In Samarkand lernten die Jungen mit acht Jahren Mathematik, was die Chinesen sehr erstaunte", sagt Starr.

Al-Biruni könnte der hellste Kopf der zentralasiatischen Geschichte gewesen sein. "Er war wirklich ein Universalgenie", sagt Jules Janssens von der Katholischen Universität im belgischen Leuven. Der Gelehrte kannte sich nicht nur in den Naturwissenschaften und der Anthropologie aus, sondern auch in der Pharmazie und Philosophie. Er muss mindestens 150 Texte geschrieben haben, von denen 31 die Zeit überdauert haben - sie sind außerhalb eine kleinen Gruppe von Spezialisten weitgehend unbekannt.

Geboren wurde al-Biruni im Jahr 973 in der Nähe des Aralsees in Kath, der damaligen Hauptstadt seines Landes Choresmien, die heute verfallen in der Nähe von Xiva in Usbekistan liegt. Als er 16 Jahre alt war, nutzte er den Stand der Sonne im Zenit, um die geografische Breite seiner Heimatstadt zu bestimmen. Als Erwachsener reiste er weit. Auf einer Hügelfestung beim heutigen Islamabad entwickelte er eine Technik, mit einem Astrolabium, sphärischer Geometrie und dem Sinussatz den Umfang der Erde zu bestimmen. Seine Berechnung weiche nur 16,8 Kilometer vom heutigen Wert ab, sagt Starr.

In einem dicken Band, heute als Masudischer Kanon bekannt, analysierte al-Biruni die klassische griechische Astronomie sowie die Beobachtungen und Gesetze aus Indien und islamischen Ländern, und trennte die glaubwürdigen Behauptungen von den phantastischen. In einem weiteren Band erklärte er das Konzept der relativen Dichte und wandte es auf Dutzende Mineralien und Metalle an. Seine Messungen waren auf drei Stellen nach dem Komma genau, in Europa gelang das erst im 18. Jahrhundert, erklärt Starr.

Seine präzise Arbeitsweise zeigt sich besonders bei der theoretischen Entdeckung Amerikas. Zur Berechnung der Qibla - der Himmelsrichtung von Mekka, in die sich Muslime bei ihren Gebeten verbeugen - hatte al-Biruni an jedem besuchten Ort die geografischen Koordinaten notiert. Außerdem erfasste er Daten von Tausenden anderen Orten in Europa und Asien. Aber als er die bekannte Welt auf einer Karte eintrug, oder auf einem Fünf-Meter-Globus, den er angeblich konstruiert hatte, stellte er fest, dass drei Fünftel der Erde unbekannt waren.

"Die offensichtliche Erklärung für diese große Lücke wäre gewesen, sich wie alle Geografen seit der Antike auf einen Weltozean zu berufen", schreibt Starr in seinem vor Kurzem erschienenen Buch über das Goldene Zeitalter der zentralasiatischen Gelehrten. Aber al-Biruni verwarf diese Idee, wie schon Mitte der 1950er-Jahre ein indischer Historiker festgestellt hatte. Dessen Hinweis auf eine entsprechende Passage der Schriften blieb allerdings jahrzehntelang unbeachtet. Al-Biruni argumentierte darin, dass dieselben Kräfte, die auf zwei Fünfteln der Erde Land geschaffen haben, auch auf den restlichen drei Fünfteln wirken müssten. "Es gibt nichts, was die Existenz bewohnter Länder verbieten würde", schrieb der Gelehrte.

Al-Birunis Arbeitsweise wirke "erstaunlich modern", schließt Starr: "eine Stimme von ruhiger und leidenschaftloser wissenschaftlicher Arbeit erklingt aus den Tiefen einer irrationalen und abergläubigen mittelalterlichen Welt." Erst als ein "Leichentuch des Verdachts" auf die Wissenschaft in Zentralasien fiel, ging die östliche Renaissance zu Ende. Wie Amerika harrte sie ihrer Wiederentdeckung.

Dieser Text ist in Science erschienen, dem internationalen Wissenschaftsmagazin, herausgegeben von der AAAS. Weitere Informationen: www.aaas.org, www.sciencemag.org. Dt. Bearbeitung: cris