Wissenschaftler in den Medien Raus aus dem Elfenbeinturm?

Eine internationale Studie hat ermittelt, dass Wissenschaftler mit zunehmender Häufigkeit in Medienberichten auftauchen. Ändert sich das Verhältnis zwischen Forschern und Journalisten, Herr Peters?

Interview: Patrick Illinger

Mehr als die Hälfte von 1350 befragten Forschern aus fünf Nationen beschreibt die Kontakte mit Journalisten als überwiegend gut. Für vier von zehn Wissenschaftlern sei die öffentliche Berichterstattung sogar karriereförderlich gewesen. Die Studie ist die weltweit erste umfassende internationale Wissenschaftler-Befragung zu diesem Thema. Geleitet hat sie Hans Peter Peters vom Forschungszentrum Jülich.

Hans Peter Peters vom Forschungszentrum Jülich.

(Foto: Foto: oh)

SZ: Man hört oft, Wissenschaftler in England oder den USA seien Journalisten gegenüber aufgeschlossener und auskunftsfreudiger als die deutschen Forscher. Ist das so?

Peters: Es gibt kleine Unterschiede, aber keine Hinweise darauf, dass deutsche Wissenschaftler mehr Vorbehalte hätten gegenüber Journalisten. Überhaupt sind international die Unterschiede klein. Es ist sehr erstaunlich, dass sowohl die Häufigkeit von Kontakten mit Medien als auch deren Bewertung so einheitlich positiv ist.

SZ: Die These von der Wissenschaft im Elfenbeinturm lässt sich nicht mehr halten?

Peters: Keinesfalls. Es gehört mittlerweile zur Rolle eines leitenden Forschers, Kontakt mit den Massenmedien zu haben.

SZ: Sie haben Forscher aus der Epidemiologie und der Stammzellforschung befragt. Das sind nun Themen, die die Öffentlichkeit bekanntermaßen sehr bewegen.

Peters: Ja, wir haben Forschungsbereiche mit öffentlichem Interesse gewählt. Trotzdem glaube ich, dass es einen generellen Trend in der Wissenschaft gibt, sich den Erfordernissen der medialen Kommunikation anzupassen.

SZ: Wo gibt es noch Verbesserungsbedarf auf Seiten der Wissenschaft?

Peters: Diese Frage haben wir mit der Studie nicht untersucht. Aber grundsätzlich halte ich es für wichtig, eine Balance zu finden zwischen dem Abschotten der Wissenschaft auf der einen Seite, was ja auch wichtig ist, damit verzerrende Einflüsse fernbleiben, und auf der anderen Seite der Leistung, die Wissenschaft für die Gesellschaft erbringen muss.

Hier hat sich einiges getan. Früher war es so, dass Wissenschaftler öffentliche Kommunikation als eine Art Verdünnung und Vereinfachung der Inhalte ansahen.

Heute erkennen Forscher eher an: Öffentliche Kommunikation ist ein eigenes System mit eigenen Regeln. Anders kann man die in unserer Studie festgestellte Zufriedenheit der Forscher mit ihren eigenen Medienkontakten nicht verstehen, denn allgemein wurde durchaus kritisiert, dass die Berichterstattung über Wissenschaft nicht immer fachlich genau ist.

SZ: Es gibt also mehr Verständnis dafür, das Journalismus auch Kritik und Enthüllung bedeutet?

Peters: Ja, im Prinzip wird auch eine kritische Funktion des Journalismus akzeptiert. Es wird außerdem akzeptiert, dass Journalisten über wissenschaftliche Unsicherheit berichten und über Kontroversen in der Fachwelt. Oft ist alleine die Präsenz in den Medien ein positiver Faktor für die Wissenschaft.