Wissenschaft populär Forschung in drei Minuten

Wissenschaftler, die Konzerthallen füllen? Mit den Science Slams hat sich eine neue Show-Kultur für junge Forscher entwickelt. In wenigen Minuten müssen Nachwuchswissenschaftler ihre Arbeit erklären.

Von Fritz Habekuß

Zwei Minuten und 55 Sekunden braucht Matthias Rubart, um zu erklären, wie man mit einem Radio den Sternenhimmel beobachten kann. Der Kosmologe von der Universität Bielefeld kommt beim Finale des "FameLab" in Bielefeld mit einem Fernrohr und einem Radio auf die Bühne. "Was haben die beiden Dinger gemeinsam - außer, dass sie grau sind?", fragt er.

Matthias Rubart erklärt beim Finale des "FameLab" in Bielefeld in weniger als drei Minuten, was es mit Hintergrundstrahlung im Weltall, Quasi-Sternen und Radio-Teleskopen auf sich hat.

(Foto: Fritz Habekuß)

Genau drei Minuten stehen ihm zur Verfügung, um seinem Publikum zu veranschaulichen, was es mit Hintergrundstrahlung im Weltall, Quasi-Sternen und Radio-Teleskopen auf sich hat. Wie soll das reichen, um nicht weniger zu erklären als die Grundlagen der Weltraumbeobachtung per Radioteleskop?

Rubart greift zu einem einfachen Trick. Ein Beispiel aus der Alltagswelt, wie es jeder kennt, hilft den Zuschauern beim Einstieg in die Kosmologie: Rubart erzählt vom Rauschen im Radio, das zwischen zwei Frequenzen zu hören ist. Das ist auch eine Folge der Hintergrundstrahlung, die permanent aus dem Weltall die Erde trifft. Rubart schwenkt die Antenne hin und her, das Rauschen verändert sich. In der Forschung erfüllen sogenannte Radioteleskope diese Aufgabe. Sie fangen die Strahlung ein und zeichnen sie auf. Da unterschiedliche Himmelskörper unterschiedlich strahlen, ergibt sich ein Bild des Weltalls. Grundlagenforschung leicht gemacht.

Es gibt vielleicht angenehmere Aufgaben für einen Wissenschaftler an einem Samstagabend. Doch Rubart macht das Erklären hier Spaß. Und seine kleine Show begeistert Hunderte Zuschauer, die in den Bielefelder Ringlokschuppen gekommen sind, der normalerweise für Konzertbesucher seine Tore öffnet.

FameLab ist eine eigene Form, die nach ähnlichen Regeln wie die bekannteren Science Slams abläuft. Science Slam bedeutet übersetzt "Wissenschaftswettstreit". Die Teilnehmer haben dort zehn Minuten, um ihre Forschungen vorzustellen. Beim FameLab, das erstmals 2005 in England ausgetragen wurde, müssen die Kandidaten auf alle Hilfsmittel verzichten, die sie nicht mit sich herumtragen können. Und sie müssen sich noch erheblich stärker einschränken: Nach drei Minuten wird ihnen das Wort abgeschnitten - und ein Konkurrent ist an der Reihe.

Science Slams boomen derzeit in vielen großen Städten. Überall ist der Andrang groß. Doch woher kommt das wachsende Interesse an dieser Darstellungsform von Forschung? Der Wissenschaft hafte sonst häufig etwas "Dünnlippiges" an, erklärt der Chefredakteur des Magazins Geo, Peter-Matthias Gaede, im Gespräch mit sueddeutsche.de. "Sie erscheint wie in Trockenstarre und blutarm", stellt Gaede fest, der in Bielefeld in der Jury sitzt.

Doch die Teilnehmer von FameLab und anderen Spielarten der Science Slams wissen genau, dass sie sich der Mechanismen der Pop-Kultur bedienen müssen. Wichtig sind interessante Vergleiche, das Spiel mit den Emotionen und ein charismatisches Auftreten. Wer die Sympathien von Zuschauern und Jury bekommen möchte, muss auffallen, überraschen und zum Lachen bringen. So wie es Matthias Rubart macht, der an diesem Abend Dritter wird.

Dabei sieht Rubart nicht unbedingt so aus, wie man sich einen Entertainer vorstellt. Doch einmal auf der Bühne schafft es der 25-Jährige problemlos, die kompliziertesten Sachverhalte so herunterzubrechen, dass jeder der Anwesenden wenigstens eine ungefähre Vorstellung davon bekommt, woran der Forscher arbeitet.

Dass ist keine Selbstverständlichkeit, im Gegenteil. Wie wenige Menschen diese Fähigkeit besitzen - oder nutzen -, darauf weist schon die geringe Zahl der echten oder sogenannten Experten hin, die zum Beispiel im Fernsehen wissenschaftliche Sachverhalte verständlich erklären.

"Voraussetzen darf ich bei den Famelab-Vorträgen eigentlich nichts, ich muss bei Null anfangen. Auch Fachwörter sind tabu", sagt Rubart über seine Strategie. Er versucht seine Hauptidee durch Alltagsvergleiche zu veranschaulichen - was nicht ganz einfach ist, wie er zugibt: "Ich bewege mich in einem Gebiet, für das man unglaublich viel Vorstellungskraft braucht. Deswegen muss ich mich mit dem behelfen, was wir sehen oder hören können." Und das ist nicht viel.