Wissenschaft mit Facebook-Daten Darf man Menschen auf Facebook wie Labormäuse beobachten?

Wie rasch Grenzen im Digitalen überschritten sind, mussten auch die Harvard-Wissenschaftler feststellen. Im Jahr 2008, nachdem sie die College-Kids fast drei Jahre vermessen hatten, veröffentlichten sie die Ergebnisse in einer Datenbank. Sie hatten alle Vorkehrungen getroffen, um die Anonymität der Studenten zu wahren, Ethikkommissionen eingeweiht, Klarnamen gelöscht. Es half nichts: Nur wenige Tage später ermittelten findige Kollegen Harvard als Ursprungsuniversität. Damit war klar, um welche Studenten es ging. Einige aufgezählte Nationalitäten gab es in dem Jahrgang nur ein einziges Mal, somit konnten Einzelpersonen in dem vermeintlich anonymen Wust leicht identifiziert werden. Ein Beobachter nannte den Vorgang eine "Kernschmelze für die Privatsphäre". Auf Druck von Kollegen ging die Datenbank deshalb schnell offline.

Soziologe Kaufman konnte die Aufregung allerdings nicht verstehen: "Die Daten waren ja schon öffentlich", sagte Kaufman später, alle Informationen stammten aus Facebook selbst. Er verglich seine Arbeit damit, auf einem öffentlichen Platz zu sitzen und sich Notizen über Passanten zu machen. Die müsse man ja auch nicht um Erlaubnis bitten, oder?

"Allein die Tatsache, dass persönliche Informationen von der Sphäre des Profils gesaugt, in einer Datenbank angehäuft und zugänglich für externe Blicke gemacht werden, ist ein Angriff auf die Würde (der Studenten)", widerspricht Michael Zimmer von der Universität Wisconsin in einem Fachartikel. Im Kern geht es also um die Frage: Nur weil sich jemand in einem öffentlichen Raum wie Facebook bewegt - darf man ihn dann jahrelang wie eine Labormaus beobachten?

Geheimniskrämerei um Konzerndaten

Auch einige Jahre nach der kontroversen Harvard-Studie folgt die Forschung mit Facebook-Daten keinen festen Regeln. "Viele Fragen sind ungeklärt", sagt etwa die Medienwissenschaftlerin Nele Heise von der Uni Hamburg. "Ab wann ist eine Aussage öffentlich? Wie und wann offenbare ich meine Forschung? Da fangen wir gerade erst an, Regeln zu entwickeln." Auch sie arbeitet mit Facebook, etwa um zu analysieren, welchen Anklang Politikeraussagen finden. Doch würde sie vorher fragen, ob sie ein Profil analysieren darf. "Da geht es um Menschen, die dort leben, dessen müssen wir uns bewusst sein", sagt Heise.

Die Forscherin macht auf ein weiteres Problem aufmerksam. In Facebook steht plötzlich ein "dritter Akteur" zwischen Wissenschaftler und Proband, der die Spielregeln mitbestimmt. Dadurch entstünden neue Abhängigkeiten. "Daten aus sozialen Netzwerken können auch falsche Ergebnisse produzieren", gibt Till Keyling von der Uni München zu bedenken. So nutze etwa in Deutschland nur eine Minderheit Twitter, repräsentativ für die Bevölkerung sei diese Gruppe nicht.

Beide Forscher kritisieren, dass die Konzerne zum Teil Geheimniskrämerei um ihre Daten betreiben. Facebook kooperiert nur äußerst selten mit Universitäten. Stattdessen unterhält der Konzern eine eigene elitäre Gruppe von Datenwissenschaftlern. Diese untersucht zum Beispiel, wie oft Frauen nach der Heirat ihren Namen ändern. Oder wie ein millionenfach geteiltes Mem auf Facebook mit der Zeit mutiert, ähnlich wie sich Sätze im Spiel "Stille Post" verändern. Dazu greifen die Wissenschaftler teilweise auf Methoden aus der Evolutionsbiologie zurück.

Man kann auch selbst mit Facebook-Daten Wissenschaftler spielen. Mit dem Tool "Wolfram Alpha Personal Analytics" lässt sich der eigene Freundeskreis untersuchen - etwa daraufhin, wer am meisten kommentiert oder wer der "Top Social Connector" ist, wer also den Freundeskreis im Digitalen zusammenhält (die Richtlinien zum Datenschutz finden Sie hier). Und das Werkzeug "You Are What You Like" analysiert die eigene Persönlichkeit anhand der Vorlieben, die man auf Facebook kundtut.