Wissen Der ausgebildete Kranke

Hypochondern könnte Psychotherapie helfen - wenn sie nur daran glauben würden.

Von Von Ulrike Fell

Wer partout zum Hypochonder werden möchte, kann sich an großen Vorbildern orientieren: am Aufklärer Voltaire, an Charles Darwin, Thomas Mann und Rainer Maria Rilke.

Auch die Komiker Woody Allen und Harald Schmidt spielen sich mit hypochondrischen Bekenntnissen in die mitleidenden Herzen ihres Publikums.

Doch was sich so trefflich verulken lässt, ist für viele Deutsche eine alltägliche Qual: Bauchdrücken - ist das etwa Magenkrebs? Blaue Flecken - Leukämie? Stechen in der Brust - Herzinfarkt?

Neueste Untersuchungen offenbaren, wie sehr das Problem bislang unterschätzt wurde. Zwar gilt nach strengen medizinischen Kriterien nur als Hypochonder, wer seit mindestens einem halben Jahr grundlos davon überzeugt ist, schwer körperlich erkrankt zu sein, ohne sich durch den Arzt eines besseren belehren zu lassen.

Deutliche Krankheitsangst bei sieben Prozent

Unter diese Definition fällt nach Schätzungen weniger als ein Prozent der Menschen. Doch "Krankheitsängste" plagen weitaus mehr: Die Psychologen Gaby Bleichhardt und Wolfgang Hiller von der Universität Mainz haben fast 1600 Deutsche nach ihrer subjektiven Befindlichkeit befragt.

"Nach unseren Schätzungen leiden etwa sieben Prozent der Bevölkerung unter einer deutlichen Krankheitsangst", berichtet Bleichhardt. "Diese Menschen machen sich tagtäglich Sorgen um ihre Gesundheit und gehen sehr häufig zu Ärzten."

Ähnlich sieht es der Marburger Hypochondrie-Experte Winfried Rief. Er schätzt, dass zwischen zwanzig und fünfzig Prozent der Patienten beim Hausarzt unter somatoformen Störungen leiden, zu denen auch die Hypochondrie gehört.

Organisch gesund und trotzdem Rückenschmerzen

Als "somatoform" werden Beschwerden bezeichnet, für die sich keine "somatischen", also körperlichen Ursachen finden lassen. Die Menschen sind organisch gesund und klagen dennoch über Rückenprobleme, Gelenk- und Gliederschmerzen, Kopfweh oder Magen-Darm-Beschwerden.

Zu den Schmerzen kommt die ständig Sorge, eine unentdeckte, schwere Krankheit zu haben. "Viele Personen mit Hypochondrie oder unklaren körperlichen Beschwerden entwickeln im weiteren Verlauf das Vollbild einer Depression", sagt Rief.

Der Patient braucht dringend Hilfe. Das Gesundheitssystem aber ist auf diese Patientengruppe kaum eingestellt. "Die Medizinerausbildung und das ärztliche Verhalten sind daran orientiert, schwere Erkrankungen zu erkennen", erklärt Rief. "Der Arzt hat ja die Aufgabe, nichts zu übersehen und ist daher selbst sozusagen 'hypochondrisch'"

Jahrelanger Ärztemarathon

Folgt auf Mammographie, Bluttest oder EKG dann die Diagnose "gesund", bringt das allenfalls kurzfristige Erleichterung. Dann keimt wieder der Zweifel.

Denn die permanente Selbstbeobachtung nimmt geradezu autistische Züge an, sagt der Berliner Psychoanalytiker Bernd Nissen: "Das Realitätsbewusstsein ist dann größtenteils zusammengebrochen."

Oft ist das der Beginn eines jahrelangen Ärztemarathons: Während es der Durchschnittsdeutsche laut Bundesgesundheitssurvey auf elf Arztbesuche pro Jahr bringt, suchen Patienten mit unklaren Körperbeschwerden den Arzt im Schnitt etwa dreimal so häufig auf, so eine Studie Riefs. Die Kosten dieses "Doktor-Hoppings" liegen daher auch drei- bis viermal so hoch wie beim Durchschnitt.

Die Forschung hat aufgeholt

Beim Vollbild einer Somatisierungsstörung ist gar mit den neunfachen Kosten zu rechnen. Zudem gehen somatoform Erkrankte im Schnitt sieben Jahre früher in den Ruhestand, sagt Rief.

Bis vor kurzem galt Hypochondrie als nahezu unheilbar. "Die Psychoanalyse hat die Hypochondrie lange Zeit sträflich vernachlässigt", moniert der Seelenforscher Nissen, der unlängst ein Fachbuch zum Thema herausgegeben hat.

Auch die klassische Medizin und Psychiatrie boten dem Leiden der "kranken Gesunden" keine wirkliche Linderung. Inzwischen hat die Forschung aufgeholt. Mit Psychotherapien, gegebenenfalls in Kombination mit medikamentöser Behandlung, lassen sich Krankheitsängste heute in den Griff bekommen (1).

Insbesondere eine so genannte kognitiven Verhaltenstherapie hat oft recht schnell Erfolg. Das konnten die Harvardmediziner Arthur Barsky und David Ahern jüngst in einer klinischen Studie zeigen (2).

Mehr als Hundert Patienten, die sich in Fragebögen als Hypochonder zu erkennen gegeben hatten, schickte man zum Verhaltenstherapeuten: In nur sechs ambulanten Sitzungen korrigierten die Teilnehmer nicht nur ihre Eigenwahrnehmung.