Von Klaus Koch

Wie Ärzte mit der Angst reicher Patienten viel Geld verdienen - ein Fall aus der Praxis.

Wilhelm H. kann es sich leisten, mal schnell 10.000 Euro auszugeben. Geld macht dem 80-Jährigen keine Sorgen, eher seine Gesundheit. Und gerade diese Kombination macht den Mann zum idealen Opfer eines bestimmten Arzttypus. Dieser ist in der Regel in Großstädten zu finden, seine Kunden sind vermögend, oft prominent und zudem gutgläubig, was die Macht der Medizin angeht.

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Welche Auswüchse solch ein Arzt-Patienten-Verhältnis annehmen kann, demonstriert eine Rechnung des Münchner Gynäkologen Dr. K., die der SZ vorliegt. Knapp 10.000 Euro hat Wilhelm H. für Untersuchungen bei K. und einem Arzt-Kollegen bezahlt.

"Viele Kassenversicherte würden annehmen, dass dieser Patient für das Geld besonders gut betreut wurde", sagt ein von der SZ befragter Experte, der zum Schutz von H. nicht genannt werden will: "In Wahrheit wurde ihm viel Geld für unnütze Dinge abgenommen." Und die wenigen sinnvollen Untersuchungen seien für Kassenpatienten kostenloser Standard.

Die Rechnung zeigt, wie leicht ein skrupelloser Arzt einem gutgläubigen Patienten Geld abnehmen kann. Allein für "Beratungen" hat Wilhelm H. 1690 Euro an K. gezahlt, hinzu kommen Laboruntersuchungen für 3860 Euro.

Während die Rechnung H. auffordert, die Beträge auf verschiedene Konten zu überweisen, zeigte sich der Arzt weniger penibel, als ihm H. Barzahlung anbot: 5500 Euro "bar erhalten" ist handschriftlich auf der Rechnung notiert.

Verhältnismäßigkeit verloren

Die Aufstellung zeigt, dass H. kaum davon ausgehen kann, länger oder gesünder zu leben. Auf Laien wirkt die Liste medizinischer Leistungen freilich wie Spitzenmedizin. Neun Untersuchungen von der "homöopathischen Erstanamnese" (314,76 Euro) über eine "Gesundheitsuntersuchung zur Früherkennung von Krankheiten" (153,90 Euro) bis zur "schriftlichen, individuellen Planung und Leitung einer Kur" (52,44 Euro) hat der Arzt berechnet.

Im Einzelfall sind solche Leistungen durchaus sinnvoll. Nicht aber, wenn die Verhältnismäßigkeit verloren geht. So folgt auf der Rechnung eine Liste von Laboruntersuchungen. Neben dem üblichen Blutbild, Leber- und Nierenwerten bezahlte H. auch für die Messung von 21 Hormonen, 14 so genannten Tumormarkern und 52 anderen Blutinhaltsstoffen wie Vitaminen und Mineralien.

Dabei taucht der Messwert der Aminosäure Serotonin gleich zweimal auf. Angeblich ist der Wert, wenn er über 200 liegt, als "Tumormarker Dünndarm" Anlass zur Sorge. Liegt er unter 200, wird er plötzlich zum Hinweis auf eine Störung der "seelischen Befindlichkeit". Mit anderen Worten: Egal welcher Wert gemessen wird, er liefert immer einen Anlass, einem Patienten weitere Untersuchungen nahe zu legen.

Weitere 1624 Euro hat Wilhelm H. für eine "Präventive Gendiagnostik" bezahlt. Angeblich soll das Genprofil Anfälligkeiten für Erkrankungen vorhersagen. Laut Fachliteratur ist jedoch für die meisten der 25 Gene unbewiesen, ob sie überhaupt aussagekräftig sind.

Zudem zahlte H. für die Analyse bestimmter Gene, die Auskunft über sein Risiko geben sollen, künftig an Prostatakrebs oder Herzkrankheiten zu erkranken. Im Fall von H. waren die Analysen allein deshalb sinnlos, weil seine Prostata entfernt und er längst herzkrank ist.

"Typisch für diese Reichenmedizin ist, dass sich befreundete Ärzte vermögende Patienten gegenseitig zuspielen", sagt der Experte, der Wilhelm H.s Fall untersucht hat.

H. wurde an eine radiologische Klinik überwiesen, wo er einer "virtuellen Koronarangiographie" (einer Untersuchung der Herzkranzgefäße), einer "virtuellen" Bronchienspiegelung und Kernspinuntersuchungen des Kopfes und der Baucharterie unterzogen wurde. Die Untersuchungen brachten kaum Neues. Sie kosteten H. nach eigener Aussage weitere 5000 Euro. Auch diesmal bezahlte er bar.

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(SZ vom 22.12.2005)