Wie die Ehe hält Liebe auf den ersten Riecher

Fast jede zweite Ehe scheitert, dennoch wagen Männer und Frauen immer wieder den Bund fürs Leben. Über gesundheitliche Spätfolgen, chronische Zweifel und stabiles Unglück in der Paarbeziehung.

Von Werner Bartens

Gerhart Hauptmann hatte einen realistischen Blick auf die Entwicklung, die etlichen Bindungen zwischen Männern und Frauen mit fortschreitender Dauer droht. "Gewisse Ehen halten nur in der Weise zusammen wie ineinander verbissene Tiere", konstatierte der Schriftsteller, der nach acht Ehejahren mit Marie Thienemann eine Beziehung zu Margarete Marschalk einging, die er elf Jahre später dann zu seiner zweiten Ehefrau nahm - um sie bald darauf mit einer 16-Jährigen zu betrügen.

Doch trotz Affären, trotz falscher Treueschwüre und der Aussicht auf verstreut herumliegende Socken ziehen Mann und Frau immer wieder in den Stellungskampf und lassen sich ihr Ja-Wort legalisieren. Und das, obwohl sie wissen, dass der Bund fürs Leben keineswegs immer ein Leben lang hält. Im Jahr 2012 wurden in Deutschland 387.000 Ehen neu geschlossen - aber auch fast 180.000 Ehen wieder geschieden. Wenn Paare sich scheiden lassen, tun sie dies nach durchschnittlich 14,4 Jahren Ehe. Wer es länger aushält, führt bereits eine "Langzeit-Ehe".

Da jedoch nicht nur Masochisten den Weg zum Standesamt einschlagen, muss die Ehe eine Anziehungskraft ausüben, die stärker ist als alle düsteren Prognosen, statistischen Ernüchterungen oder das Diktum von Oscar Wilde, wonach die Ehe lediglich der Versuch sei, "zu zweit wenigstens halb so glücklich zu werden, wie man allein gewesen ist".

Ist es der Hang zur Selbsterhaltung, der die Menschen in chronische Bindungen treibt? Wer verheiratet ist, lebt schließlich länger, wird seltener krank, ernährt sich ausgewogener und ist im Alter länger selbständig. Diese - statistisch gemittelten - Befunde gelten trotz der vielen Paare, die sich nur noch angiften oder gleichgültig nebeneinander her leben.

Ist auch nach Jahren noch tiefes Verständnis für den Partner vorhanden, gleicht die Ehe gar einem Wundermittel, das die Schmerzempfindlichkeit senkt und verheirateten Männern niedrige Blutdruckwerte beschert und vor Zwölffingerdarmgeschwüren schützt. Sollten Männer einen Bypass benötigen, bleibt dieser bei verheirateten länger geöffnet. Frauen, die sich geliebt wähnen, bekommen seltener Harnwegsinfekte, und an Schnupfen, Husten, Heiserkeit erkranken sie auch nicht so oft. Forscher haben sogar Hinweise dafür gefunden, dass die Prognose bei Brustkrebs besser ist, wenn sich Frauen beim Partner geborgen fühlen. Eine bessere Arznei zur Kostendämpfung könnte sich keine Krankenkasse ausdenken.