Von Christopher Schrader

Im Schnitt alles normal, sagen Meteorologen über die vielerorts düsteren Tage der vergangenen Wochen. Warum das Wetter in der Statistik oft besser ist als in der Realität.

Der Durchschnitt ist der größte Betrüger. Wie jeder Meister seines Fachs täuscht er die Wahrnehmung seiner Opfer. Die Wetterstatistik mit ihren Mittelwerten spiegelt eine Normalität vor, der der Blick aus dem Fenster zu widersprechen scheint.

Regenwetter, dpa

"Der mitteleuropäische Sommer stammt eben nicht aus Italien". (© Foto: dpa)

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Mindestens die Oberbayern, die Anspruch auf das beste Wetter Deutschlands erheben, müssen in den Wochen seit Sommeranfang gedacht haben, die Wetterkarte stehe kopf: Im Norden war's schön, bei ihnen gab's Regengüsse. Der Deutsche Wetterdienst (DWD) aber spricht von einem normalen Juni, dem nun gewöhnliches Sommerwetter folge - sprich: Es regnet fast überall.

Eine Westströmung bestimme das Geschehen, sagen die Meteorologen, die Luft komme vom Atlantik herangeweht, es bleibe voraussichtlich zehn bis fünfzehn Tage unbeständig. Dieses "Aprilwetter im Sommer" sei typisch für den Juli; beständiger Sonnenschein kommt vor, ist aber die Ausnahme. "Der mitteleuropäische Sommer stammt eben nicht aus Italien", sagt der Wetterstatistiker Gerhard Müller-Westermeier vom DWD.

Hier offenbart sich, was den Durchschnitt so trügerisch macht: Was er als Trend darstellt, passt selten zur eigenen Wahrnehmung, der vor allem die Extreme auffallen. Die wundervollen Juli-Tage, die sich in der Erinnerung abzeichnen - das sollen Ausnahmen gewesen sein? Aber genau das ist das Wesen der Statistik: Im Schnitt verschwinden die Besonderheiten. Nur so ist zu erklären, dass der Juni in der Analyse als eher durchschnittlicher Monat daherkommen kann.

Tatsächlich aber war nach einem heißen April und einem noch überdurchschnittlich warmen Mai der Anfang des Juni viel zu kalt. Die zweite Hälfte wiederum war zu warm, und jetzt zeigten sich besonders die regionalen Unterschiede. Im Norden, speziell an der Küste, war es warm und trocken; es gab teilweise nur die Hälfte des üblichen Regens und fast 30 Prozent mehr Sonne als gewöhnlich. Die Bayern mussten es ausbaden, sie hatten die niederschlagreichsten Orte und schwül-warmes Wetter. Das macht im Mittel Normalität.

Berechtigter Grund zum Klagen

Wer sich nun im Südosten über die vergangenen Wochen grämt, hat auch viel Grund zum Klagen. Er blickt auf einige Tage gewöhnliches Juli-Mistwetter mit seiner Westströmung zurück und auf eine gute Woche eher ungewöhnliches Juni-Mistwetter. Da wurde die Region nämlich von einem Tief über Südosteuropa beherrscht, erläutert Andreas Friedrich vom Vorhersagezentrum des DWD. Es schaufelte heiße und feuchte, also schwüle Luft vom östlichen Mittelmeer vor die Alpen. Die Sonne knallte von oben auf die Luftmassen und ließ sie aufsteigen. So bildeten sich hochgetürmte Gewitterwolken, denen der laue Wind nichts anhaben konnte. Ihr Inhalt und ihre Energie entluden sich in heftigen Gewittern, die kaum Abkühlung brachten.

Für Menschen, deren Gemüt Sonnenschein braucht, ist das doppelt tragisch. Erstens verweigert sich ihnen der Sommer nun schon zwei Wochen lang. Und zweitens bietet das Wetter gerade um diese Zeit oft eine Vorschau auf die Verhältnisse bis Mitte August.

Wenn es in dem Zeitraum entscheidende Tage gibt, dann sind es der 7.und 8. Juli, wie langjährige Beobachtungen zeigen. "In etwa zwei Drittel der Jahre stellt sich dann eine Großwetterlage für den Sommer ein", sagt Müller-Westermeier. Das hieße dieses Jahr: warm, feucht, unbeständig. "Es gibt viele Ausnahmen", fügt der DWD-Statistiker schnell hinzu. Da müsste sich der Betrüger Durchschnitt aber erst als Freund erweisen.

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(SZ vom 08.07.2009)