Weltklimarat Warum Pachauri zurücktreten sollte

Fehler, Ignoranz, trotziger Ton: Der Führungsstil des Klimarats-Vorsitzenden Pachauri kratzt mehr am Image des Gremiuns, als es sich erlauben kann.

Von Ch. Schrader

Der Vorsitzende des Weltklimarats IPCC, der Inder Rajendra Pachauri, ist seit Wochen scharfer Kritik ausgesetzt. Sein Gremium hat einen dummen Fehler gemacht: Der jüngste IPCC-Bericht von 2007 sagte ein Abschmelzen der Himalaya-Gletscher bis 2035 vorher. Die Angabe ist offensichtlich übertrieben und beruhte letztlich auf Hörensagen. Die Aufklärung dieses Lapsus hinterlässt viele Fragen, auch am Führungsstil des IPCC-Vorsitzenden Pachauri. Weil er auch in anderen Punkten in die Kritik geraten ist, wäre es für die Klimaforschung nun am besten, er träte zurück.

Von dem Fehler mit den Himalaya-Gletschern hat Pachauri nach eigenen Angaben erst Mitte Januar erfahren; er habe sofort gehandelt, sagt er. Das Ergebnis war jedoch eine halsstarrige Stellungnahme, in welcher der IPCC erst darauf beharrt, dass die Gletscher im Himalaya in der Tat schmelzen, um dann den Fehler einzuräumen - ohne ein Wort des Bedauerns. Auch in einem Interview schlug Pachauri den trotzigen Ton an. Er macht eher Mängel der Gletscherforschung als den Pfusch seiner Organisation verantwortlich.

Allerdings gibt es einige Indizien, dass Pachauri früher als angegeben von dem Fehler wusste oder hätte wissen müssen - und zwar schon im Entstehungsprozess des Berichts im Jahr 2007. Damals wurde die Jahreszahl 2035 in einen Abschnitt des Reports geschrieben, aber nicht in die entsprechende Zusammenfassung. Vertreter des IPCC werten das heute als Beleg, dass die Qualitätsprüfung im Prinzip funktioniere.

Tatsächlich aber war es damals die indische Regierung, welche die mangelnde Quellenlage hinter der Behauptung rügte. Bis zu diesem Veto aus Delhi stand der Fehler im Entwurf der Zusammenfassung, so belegen es Recherchen von Climate Science Watch, die früher auch den freihändigen Umgang der Regierung Bush mit Klimadaten moniert hat. Kann es sein, dass der Inder Rajendra Pachauri 2007 nichts wahrnahm von dem Einspruch seiner Regierung und dass er Passagen über sein eigenes Land nicht las, bevor sie erschienen?

Kritik entzündet sich auch an Pachauris Reaktion auf den Inhalt von E-Mails, die einer Gruppe von Klimaforschern gestohlen wurden. Die Experten um den Briten Phil Jones von der University of East Anglia, alle prominente Autoren des Weltklimaberichts, diskutieren in den illegal veröffentlichten E-Mails, ob sie die Prozeduren des IPCC außer Kraft setzen können. Ihnen war daran gelegen, einen missliebigen Aufsatz aus dem Bericht herauszuhalten. Später zeigte sich, dass dieser entgegen den Regeln für begutachtete Veröffentlichungen in ein Fachjournal geschmuggelt worden war.

Im Nachhinein betrachtet hatte die Studie im IPCC-Bericht also tatsächlich nichts verloren. Dennoch ist das Verhalten der britischen Experten fragwürdig. Pachauri hatte nach dem Bekanntwerden der E-Mails eine Untersuchung angekündigt, sie dann aber wieder abgeblasen: Es gebe nichts zu untersuchen. Diese Feststellung hätte er besser einer Kommission überlassen, die den Fall prüft.

Hämischer Jubel

In diesen und anderen Fällen hat Pachauri Kritik einfach beiseitegewischt. Seine Strategie war, nur keine Zweifel aufkommen zu lassen, den Anschein der Unantastbarkeit zu wahren - und das ist der Kern des Problems. Der IPCC-Chef gehört wie Phil Jones zu einem Typus Klimaforscher, der durch ständige Attacken hart geworden ist. Da fällt es irgendwann schwer zu unterscheiden zwischen politisch oder wissenschaftlich berechtigten Einwänden und den vielen von radikalen Lobbyisten verbreiteten, oft persönlich gemeinten Angriffen. Unter diesem Druck jahrelang saubere und überzeugende Arbeit geleistet zu haben ist eines von Pachauris größten Verdiensten.

Falls der IPCC-Chef nun sein Amt verließe, wäre es für die Meute der Klimaschutz-Kritiker ein Fest. Ihren hämischen Jubel hören zu müssen wäre schmerzhaft. Doch die Klimaforscher würden sich noch größerer Gefahr aussetzen, wollten sie warten, bis der Sturm sich legt. Damit riskierten sie, das große Vertrauen zu verspielen, das sie gegenüber den unsachlich argumentierenden Skeptikern haben. Deren Gebrabbel zum Trotz ist an der Realität des Klimawandels - einschließlich der tatsächlich dahinschmelzenden Himalaya-Gletscher - nicht mehr zu zweifeln. Die Regierungen der Welt haben das verstanden und - teils noch zaghaft - begonnen, ihre Nationen darauf vorzubereiten.

Der Kampf um öffentliche Wahrnehmung ist gewonnen. Die Klimaforscher müssen die verbleibenden Wirrköpfe unter ihren Gegnern nicht mehr niederringen. Es ist besser, diese einfach zu ignorieren und sich damit zu beschäftigen, welche Folgen der Klimawandel hat, wie man ihn eindämmt, wie man die Menschen davon überzeugt, dabei mitzumachen, und wie man sie gleichzeitig vor den unvermeidbaren Folgen schützt. Für den Weg in diese Zukunft braucht der Weltklimarat einen neuen Vorsitzenden.

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