Patrick Illinger ist dabei

"Rumsfeld" als neue Maßeinheit für Naturgefahren, Kennedys Raumfahrtpläne, das Verschwinden von Sprachen und Fröschen - Forscher aus aller Welt diskutieren in San Francisco neueste Erkenntnisse.

Zum Auftakt ihrer diesjährigen Jahrestagung der American Association for the Advancement of Science (AAAS) bot das weltweit größte interdisziplinäre Wissenschaftlerforum ein Feuerwerk der steilen Thesen und berichtigten Mythen.

Rumsfeld, dpa

Er soll als Maßeinheit für Naturgefahren gelten: Ex-Verteidigungsminister Rumsfeld (© Foto: dpa)

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Umdenken und anders Denken - unter dieser Überschrift könnte man viele der Vorträge stellen, die am Freitag in den rund 25 Vortragssälen der Tagung in San Francisco zu hören waren.

Unter dem aufregenden Titel "Dynamik des Aussterbens" brachte eine Veranstaltung den interdisziplinären Anspruch der AAAS bis an die Grenzen des Sinnvollen.

Ein Anthropologe analysierte das Aussterben der menschlichen Vorfahren, ein Froschforscher zeigte eindrücklich, mit welcher Geschwindigkeit Amphibien in Mittel- und Südamerika derzeit vom Erdboden verschwinden, und ein Linguist berichtete über das Massensterben von Sprachen (von derzeit noch 6000 existierenden Idiomen wird in den kommenden Jahren rund eine pro Woche verschwinden).

Am eindrücklichsten hielt der Soziologe Charles Redman der Menschheit einen Spiegel vor, indem er zeigte, wie Gesellschaften zugrunde gehen, die einerseits ihre Verletzlichkeit nicht erkennen und andererseits auf erkennbare Gefahren nicht mit genügend Beweglichkeit reagieren.

Spannend: Zu viel Kenntnis kann die Flexibilität hemmen. Die Geschichte der Menschheit habe - leider - jedenfalls gezeigt, dass Aufklärung und Kultur keine Garanten für das pure Überleben einer Gesellschaft sind.

Rumsfeld und Mikro-Rumsfeld

Ein Umdenken in Sicherheitsfragen forderte der Erdbebenforscher Kerry Sieh. Er führte in einem Vortrag über Naturgefahren die neue Maßeinheit "Rumsfeld" ein. Ein Rumsfeld, das sei die Geldmenge, die pro Jahr für den Krieg im Irak ausgegeben werde. Dabei brauche es nur ein Mikro-Rumsfeld, um das Leben von ungleich viel mehr Menschen zu schützen: indem man die Erforschung von Erdbeben fördert.

Eine radikal neue Sicht auf die Geschichte der Raumfahrt forderte Roger Launius vom National Air and Space Museum in Washington. Viele der allgemein als "Wendepunkte" deklarierten Ereignisse in der Geschichte der Raumfahrt, hätten in Wahrheit keine Veränderungen ausgelöst und andere Ereignisse seien bis heute in ihrem Einfluss auf das weitere Geschehen unterschätzt.

Sputniks wahre Bedeutung

So habe Sputnik, der erste Satellit der Sowjets, keine Änderung der US-Politik ausgelöst, da das amerikanische Satellitenprogramm zu dieser Zeit bereits voll im Gang war und danach wie geplant fortgesetzt wurde. Der Tod Kennedys hingegen habe massiven Einfluss auf das weitere Geschehen in der Raumfahrt gehabt - ein Fakt der weithin unterschätzt werde.

Kennedy, so Launius, habe nachweislich vorgehabt, das Mondflugprogramm Apollo gemeinsam mit der Sowjetunion fortzusetzen. Dass die Mondlandung nach dem Tod Kennedys nicht zuletzt als sein Testament im Alleingang fortgesetzt wurde, ist quasi eine Ironie der Geschichte.

Und die Mondlandung selbst werde in ihrer Bedeutung weit überschätzt, sagt der Historiker. Statt mit Kolumbus sollte dieser Schritt in eine neue Welt eher mit der Reise des Wikinger Leif Erikson verglichen werden. Der erreichte bekanntlich einige Jahrhunderte vor Kolumbus Amerika, aber eben nur das. Die bravourös anmutende Tat hatte keine weiteren konkreten Folgen...

Weichmacher als Ursache von Übergewicht

Radikales Umdenken ist möglicherweise auch in Sachen Übergewicht angesagt: Einer steilen These zufolge stecken die Ursachen für diese Zivilisationskrankheit nicht nur in den Genen und im Essen. Auch ein in Plastikprodukten massenhaft verwendeter Weichmacher könnte mitverantwortlich sein.

Dieser Stoff - Bisphenol-A - wirkt offenbar wie ein Hormon, seine Häufigkeit deckt sich mit der Rate von Übergewicht und auch Tierversuche scheinen diese bislang unbekannte Ursache des Dickseins zu bestätigen. Details wollen die Forscher am Samstag liefern.

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(sueddeutsche.de)