Weltgesundheitsorganisation Zika-Virus: WHO ruft höchsten Alarm aus

Auch im Sambadrom in Rio de Janeiro werden Mücken bekämpft, die das Zika-Virus übertragen.

(Foto: Marecelo Sayao/dpa)

Die Epidemie ist jetzt ein "internationaler Gesundheitsnotfall". Zika steht im Verdacht, schwere Fehlbildungen bei Neugeborenen hervorzurufen.

Von Berit Uhlmann

Die Weltgesundheitsorganisation WHO hat die in Lateinamerika grassierende Zika-Epidemie zum "internationalen Gesundheitsnotfall" erklärt. Sie rief damit am Montagabend die höchste Alarmstufe aus. Generaldirektorin Margaret Chan sprach von einer "außergewöhnlichen Bedrohung" und betonte, der Mangel an Impfstoffen sowie an schnellen diagnostischen Tests und die fehlende Immunität der Bevölkerung seien Grund zu großer Sorge und erforderten eine koordinierte Antwort. Das Virus steht im Verdacht, schwere Fehlbildungen bei Neugeborenen hervorzurufen, was nach WHO-Angaben der Auslöser für den Notfall ist. Chan sagte, ein ursächlicher Zusammenhang zwischen Erreger und Fehlbildungen sei wissenschaftlich derzeit nicht nachgewiesen, werde aber "stark vermutet".

Der weltweite Seuchenalarm wird ausgerufen, wenn vier Kriterien erfüllt sind: Das Gesundheitsproblem muss ernst und unerwartet sein. Es muss das Risiko bestehen, dass es sich auf andere Staaten ausweitet - und damit die Frage nach Reise- und Handelsbeschränkungen aufwerfen.

Das Virus war in Brasilien erstmals im Mai 2015 dokumentiert worden und hat sich seither in 23 Ländern Lateinamerikas und der Karibik ausgebreitet. Ein Ende der Epidemie ist noch nicht abzusehen; die WHO schätzt die Zahl der infizierten Menschen auf drei bis vier Millionen.

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Während die akute Infektion meist unbemerkt oder milde verläuft, kann sie möglicherweise bei Ungeborenen Fehlbildungen des Schädels und Gehirns verursachen. Diese sogenannte Mikrozephalie führt zu einem verringerten Kopfumfang und sehr häufig geistigen Behinderungen und neurologischen Symptomen wie Krampfanfällen. Auch Fehl- und Totgeburten sind möglich. Seit Oktober 2015 registrierten Ärzte in Brasilien etwa 4000 Verdachtsfälle. Normalerweise werden dort im Schnitt gut 160 Kinder jährlich mit der neurologischen Störung geboren. Experten vermuten allerdings, dass die Zahl tatsächlicher Mikrozephalie-Erkrankungen niedriger liegen könnte, da die Kriterien nicht in allen Bundesstaaten gleich streng sind. In den Zika-Gebieten außerhalb Brasiliens wurde bislang keine Häufung von Mikrozephaliefällen beobachtet.

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Sorgen hatte Experten auch bereitet, dass in Brasilien mit dem Karneval im Februar und den Olympischen Sommerspielen im August zwei touristische Großereignisse anstehen, welche die weitere Verbreitung des Virus befeuern könnten. Doch sind Prognosen über die weitere Ausbreitung unter Experten umstritten. Die Olympischen Sommerspiele könnten "einer Globalisierung des Virus" Vorschub leisten, warnt Dennis Tappe vom Bernhard-Nocht-Institut für Tropenmedizin in Hamburg. Jan Felix Drexler, Virologe an der Universität Bonn, vermutet dagegen, dass sich die Zika-Lage bis zu dem Sportereignis beruhigt haben werde, da die Bevölkerung bis dahin eine hohe Immunität erreicht haben könnte. Brasilianische Behörden gaben auch zu bedenken, dass die übertragenen Mücken im August - dem Winter auf der Südhalbkugel - kaum aktiv sind.

Eine größere Gefahr für Mitteleuropa besteht den bisherigen Erkenntnissen zufolge nicht. Zwar haben Reisende den Erreger vereinzelt auch nach Europa eingeschleppt. Da die Mücken der Art Aedes aegypti aber dort nicht heimisch sind, ist ein großer Ausbruch nicht zu befürchten.

Der globale Notfall ist ein vergleichsweise junges Instrument der Seuchenkontrolle. Die WHO fügte ihn erst 2005 in ihre Regularien ein. Dreimal wurde er seither ausgerufen: während der Schweinegrippe-Pandemie im Jahr 2009, nach dem Wiedererstarken des in vielen Ländern bereits ausgerotteten Poliovirus 2014 und während der jüngsten Ebola-Epidemie in Westafrika. Für die Handhabung dieses Alarms wurde die WHO in der Vergangenheit stark kritisiert. Die Warnung zur Schweinegrippe wurde als unnötig betrachtet. Im Falle von Ebola dagegen bescheinigten mehrere Untersuchungskommissionen der WHO, zu spät reagiert zu haben.

Dass die WHO das zuständige Notfall-Komitee nun verhältnismäßig zügig einberief, wurde allgemein begrüßt. Martin Grobusch, Tropenmediziner der Universität Amsterdam, bezeichnete das Vorgehen der Behörde als "angemessen". Marylyn Addo, Tropenärztin am Universitätsklinikum Hamburg-Eppendorf sprach von einer "adäquaten Antwort".

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