Von Arne Boecker

Bisher hat das Wattenmeer den Status eines Nationalparks. Nun soll es Unesco-Welterbe werden. Ein Besuch bei jenen, die das einzigartige Ökosystem schützen.

Tönning duckt sich unter einem schweren Sturm. Wieder einmal. Der Wind fegt häufig über das nordfriesische Städtchen hinweg. Selbst in seinem Büro trägt Klaus Koßmagk-Stephan Outdoorkleidung. Unweit des windverfegten Marktplatzes arbeitet er beim Nationalpark Schleswig-Holsteinisches Wattenmeer, Abteilung "Monitoring und Forschung". Unter seinem Schreibtisch liegt der Gipsabdruck eines Robbenkopfs.

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Auch wenn die norddeutschen Strände mitunter unwirtlich erscheinen: Das vom Gezeitenwechsel geprägte Wattenmeer ist Heimat einer einzigartigen Tierwelt. (© Foto: dpa)

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Der promovierte Biologe ist vom Ökosystem Wattenmeer fasziniert. "Diese Region ist immer in Bewegung", schwärmt er. Dafür sorgen nicht nur die Gezeiten, die den Wattboden regelmäßig trocknen und wässern. "Sie sind der Motor, der alles antreibt", sagt Koßmagk-Stephan.

Für Wirbel sorgt auch die steife Brise, die meist von See weht. Wellen lassen Sedimente erodieren. Die Nährstoffe, die Elbe, Weser und Ems ins Wattenmeer einschleppen, ziehen Tiere an. Allein Millionen durchreisender Vögel beleben das Ökosystem. Klaus Koßmagk-Stephan kann das alles viel schöner ausdrücken: "Das ewige Kommen und Gehen, Werden und Vergehen sorgt für Dynamik."

Die Einzigartigkeit des Wattenmeers will auch Koßmagk-Stephans Arbeitgeber nun verstärkt herausstellen. Schleswig-Holstein und Niedersachsen haben gerade den Antrag zur Unesco geschickt, das Wattenmeer als "Welterbe" einzustufen.

Bisher hat es den Status eines Nationalparks, der sich in drei Teile gliedert. Je einer zählt zu Schleswig-Holstein, Hamburg und Niedersachsen (siehe Karte). Die Hamburger tragen den Welterbe-Antrag allerdings nicht mit. Sie fürchten, dass sie die Elbe dann nicht mehr ausbaggern dürfen. Ob das so bleibt, wird womöglich zu einer Frage der Koalitionsverhandlungen zwischen CDU und Grünen in der Hansestadt.

Großer Vogelbahnhof

Auf der Fahrt zum Beltringharder Koog muss Martin Kühn das Lenkrad mit beiden Händen festhalten, so sehr drückt der Sturm gegen das Auto. Das Land hier wurde dem Meer abgetrotzt. Der flache Koog, durch Eindeichung entstanden, erstreckt sich nördlich von Husum acht Kilometer die Küste entlang. Um exakt 7.11 Uhr ist Hochwasser und Niedrigwasser um 13.26 Uhr, so steht es im Gezeitenkalender. Doch dem Sturm ist der Kalender egal: Die Nordsee staut sich auf fast anderthalb Meter über dem mittleren Hochwasser.

Martin Kühn stammt aus dem küstenfernen Berlin. Ranger im Nationalpark zu sein, ist ein Traumjob für den Großstädter. Der Ornithologe arbeitet schließlich in einer Region, durch die im Frühjahr und Herbst bis zu zwölf Millionen Vögel ziehen. "Dann herrscht bei uns richtig Betrieb", sagt Kühn. Der Ranger zeigt aus dem Fenster. Tausende Austernfischer stehen im flachen Wasser. Dicht gedrängt, damit der Sturm nicht zwischen sie fahren kann. Obwohl die Vögel nicht einmal einen halben Meter groß sind, heißen sie wegen ihrer langen roten Schnäbel auch "Halligstörche".

Suche am Saum der Nordsee

Alle zwei Wochen suchen hauptamtliche Naturschützer und freiwillige Helfer den Saum der Nordsee ab. "Oft werden Eissturmvögel angespült", erzählt Kühn. "Sie leben das ganze Jahr über auf dem Meer. Wenn sie Müll mit Nahrung verwechseln, bleibt das unverdaubare Zeug in ihren Mägen zurück und nimmt den Raum für Verwertbares. Das schwächt die Eissturmvögel, so dass sie irgendwann tot angeschwemmt werden."

Plötzlich verlangsamt Kühn die Fahrt. "Ein moribunder Knutt", sagt er und zeigt auf einen zerfledderten Vogel, den der Sturm über die Wiese scheucht. Vermutlich hat eine Krankheit den Strandläufer so geschwächt, dass er nicht mehr vor dem Auto fliehen kann. "Den finden wir demnächst wohl im Spülsaum", sagt Kühn.

Wenn Knutts nicht krank werden, leisten sie Erstaunliches. Der Sibirische Knutt überwintert im afrikanischen Mauretanien. Auf dem Weg in seine Heimat rastet er im Wattenmeer, um Energie zu tanken. Von den knapp 9000 Kilometern hat er zu diesem Zeitpunkt gut die Hälfte geschafft. "Wenn der Knutt hier ankommt, wiegt er vielleicht noch 100 bis 120 Gramm", sagt Kühn. "Nach Sibirien schafft er es aber nur bei einem Körpergewicht von über 200 Gramm." Also beginnt der Knutt das große Fressen. In einer Viertelstunde kann er 690Schnecken aus dem Watt picken und schlucken, haben Ornithologen gezählt.

Neben einem Sielhaus steht ein Pfahl, der die Sturmfluthöhen vergangener Jahrhunderte anzeigt. Am schlimmsten traf es Nordfriesland in den Jahren 1362 und 1634. "Große Mandränken" nennen Einheimische die beiden Katastrophen. Allein 1634 ertranken 9000 Menschen und 50.000 Stück Vieh. Die Sturmfluten rissen Inseln auseinander, versenkten und schufen Halligen.

Sturmfluten häufen sich

"Dabei stieg das Wasser damals nur drei Meter über Normalnull", sagt Martin Kühn und zeigt auf die Marken. "Seit einigen Jahrzehnten häufen sich die Sturmfluten, und sie sind schwerer als je zuvor." Am 3. Januar 1976 zum Beispiel stieg der Pegel in Hamburg auf sechs Meter über Normalnull. Dass es keine "Mandränken" mehr gibt, liegt an den Deichen, die die entfesselte Nordsee stoppen.

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