Wasserverschwendung Die unheimliche Schrumpfung des Aralsees

Aralsee im Zeitverlauf von 2000 bis 2014

Der Zeitraffer des "Earth Observatory" der Nasa zeigt den Wasserschwund im Aralsee im Verlauf von 15 Jahren deutlich. mehr...

Der Aralsee ist zum ersten Mal seit mehr als 600 Jahren komplett ausgetrocknet. Satellitenbilder zeigen den erschreckenden Schwund im Zeitraffer. Nun müssen die Anrainerstaaten handeln - oder es drohen Konflikte.

Von Christopher Schrader

Der Aralsee war einst ein beeindruckendes Gewässer. Der viertgrößte Binnensee der Welt bedeckte eine Fläche so groß wie Bayern, bis er den Planern der Agrar-Revolution in Stalins Sowjetunion in die Quere kam. Sie wollten in Zentralasien Weizen und Baumwolle anbauen und zapften die beiden Hauptzuflüsse des Sees an, Amudarja und Syrdarja.

Seit 1960 ist der See immer kleiner geworden. Aus einer Insel wurde eine Halbinsel und dann ein breiter Landrücken quer durch den See. Und diese Woche meldete die Nasa, dass der Ostteil des Aralsees zum ersten Mal seit mindestens 600 Jahren komplett ausgetrocknet sei. Das Verschwinden des Wassers führt in der ganzen Region zu Umweltproblemen.

Jeder Turkmene verbraucht 5500 Kubikmeter Wasser im Jahr

Als die Amerikaner ihr Satellitenbild veröffentlichten, war der Aufruf von Olli Varis schon im Druck. Der Fachmann für Wassermanagement an der Aalto-Universität in Helsinki beklagt in einem Kommentar in Nature, dass die Verschwendung in den Nachfolgerepubliken der Sowjetunion in Zentralasien weitergehe. So haben zum Beispiel die Turkmenen den höchsten Pro-Kopf-Verbrauch der Welt mit ungefähr 5500 Kubikmetern Wasser pro Jahr. Er ist viermal so hoch wie in den USA oder Kanada. Alle Staaten der Region gehören beim Pro-Kopf-Verbrauch zur Spitzengruppe.

Kamele vor einem Schiffswrack in einem ehemaligen Teil des Aralsees: Zum ersten Mal seit 600 Jahren ist der Ostteil des Sees komplett ausgetrocknet.

(Foto: Vyacheslav Oseledko/AFP)

Gleichzeitig nutzen die Staaten das Wasser nicht effizient, weil sie für die Region ungeeignete, durstige Pflanzen anbauen. "Der ökonomische Ertrag auf Wasser ist in Zentralasien niedriger als irgendwo sonst auf der Welt", schreibt Varis. Turkmenistan brauche dreimal so viel Wasser, um einen Dollar zu erwirtschaften wie Indien, 14-mal so viel wie China und 43-mal so viel wie Spanien.

Dabei seien die Republiken nicht besonders trocken: Ihnen stehe vom Syrdarja kaum weniger und vom Amudarja deutlich mehr Wasser pro Kopf zur Verfügung als den Deutschen. Statt also Verschwendung und Konflikte - vor allem um die Wasserzuteilung - weiter eskalieren zu lassen, sollten die Staaten gemeinsam ein neues Wirtschaftsmodell entwickeln, wie es China, Vietnam oder Estland gelungen sei. Sonst könnte bald statt rostiger Schiffe am Aralsee rostiges Militärgerät zum Symbol der Region werden.