Die Region um Tschernobyl ist seit 1986 vor allem mit Cäsium-137 kontaminiert. Dieses verliert wie jedes radioaktive Material mit der Zeit einen Teil seiner Strahlenlast. Im Fall des Cäsiums dauert es 30 Jahre, bis sich die Hälfte des strahlenden Materials zersetzt hat. "Was da jetzt brennt, ist also nur noch ein kleiner Teil dessen, was nach der Explosion frei wurde", sagt Jacob, zumal der Boden schon einiges von der strahlenden Substanz aufgenommen habe.
Anzeige
Allerdings sinkt radioaktives Material in Torf- und Waldböden langsamer in tiefere Schichten hinab als etwa auf landwirtschaftlich genutzten Flächen. Kontaminierte Partikel, die auf der Oberfläche oder in den Bäumen gebunden bleiben, können entweder mit dem Ruß in die Luft steigen oder bei Löschversuchen ins Grundwasser gelangen. Unklar ist bislang allerdings, ob in Russland bereits Radioaktivität in der Luft gemessen wurde.
Gefährlich ist die Langzeitwirkung
Die Vorstellung, radioaktive Partikel einzuatmen, beunruhigt zwar - die größte Gefahr sei dies aber nicht, wie Jacob sagt. "Radioaktives Cäsium schadet vor allem durch seine Langzeitwirkung", sagt der Münchener Strahlenschutzexperte. "Atmet man es ein, bleibt es nur etwa 100 Tage im menschlichen Körper. Das reicht nicht, um wirklich große Schäden anzurichten." Viel gefährlicher ist es, wenn man dem strahlenden Material lange Zeit ausgesetzt ist. Das müssen nun vor allem die Menschen in Russland befürchten, wenn das Cäsium mit dem Ruß Land erreicht, das bislang nicht kontaminiert ist und auf dem vielleicht noch Viehzucht oder Ackerbau betrieben wird. Dringt das strahlende Material dort in den Boden ein, kann es schnell in die Nahrungskette gelangen.
Dieses Szenario kann nicht nur die Menschen rund um Tschernobyl betreffen, sondern auch diejenigen in der Nachbarschaft der Plutoniumfabrik Majak. Dort ist das Gelände seit einer Explosion im Jahr 1957 vor allem mit radioaktivem Strontium belastet. Auch bei diesem Material ist die Langzeitwirkung am gefährlichsten; es zerfällt ähnlich langsam wie Cäsium.
Sie sind jetzt auf Seite 2 von 2
- Brände in Russland Ein Land keucht 06.08.2010
- Putin als Krisenmanager Feuerwehrmann in eigener Sache 11.08.2010
- Russland: Brände in Atomzonen Die Angst von Tschernobyl - Fallout zieht gen Ostsee 11.08.2010
- Russland und die Nato Neue Töne aus Moskau 22.10.2010
- Tschetschenien Rebellen stürmen Parlament 19.10.2010
- Fleischbeilage beim Staatsdinner Ein Wurm für Wulff 14.10.2010
- Bundespräsident reist durch Russland Wulff sucht den besten Weg 13.10.2010
(SZ vom 12.08.2010/mob)
Schlosshotels in Polen
Die Aussage: "Was da jetzt brennt, ist also nur noch ein kleiner Teil dessen, was nach der Explosion frei wurde", stimmt nur insoweit, als dass die kurzlebigen Radionuklide (zu denen man aber Cs-137 in diesem Fall nicht zählen darf) sich schon stark abgebaut haben und sich die Freisetzung der Radionuklide insgesamt geologisch und biologisch verdünnt (ausgebreitet) hat.*)
Die angeführte (richtige) Halbwertszeit von Cs-137 von etwa 30 Jahren bedeutet, dass heute nach ca. 24 Jahren noch immer mehr als 55% der ursprünglich freigesetzten Cs-137-Menge in der Umwelt vorhanden ist. 55% ist kein "kleiner Teil".
Eine Faustformel, die der Redaktion vielleicht hilft, (in Zukunft) mit Halbwertszeiten richtig umzugehen: Erst nach 10 Halbwertszeiten (also bei Cs-137 nach ca. 300 Jahren) ist die Menge auf 1 Promille (1/2 hoch 10 = 1/1024) zusammengeschrumpft. Das ist aber auch dann nur ein kleiner Teil zu nennen, wenn die chemische und/oder radiologische Toxizität nicht hoch oder die ursprünglich freigesetzte Menge gemessen an der chemischen und/oder radiologischen Toxizität schon relativ gering war.
___
*) Man sollte sich den Merksatz "dilusion is no solution for pollution" vor Augen halten. In einem Radionuklid-Labor ist es ein extremer Verstoß gegen die Sicherheit, eine kleine Menge hoch-radioaktiver Substanz mit z. B. Wasser in großer Menge zu verdünnen und die nun nur noch sehr schwach-aktive Lösung leichtfertig zu entsorgen - die Radionuklide sind ja immer noch da. Aus dem selben Grund sollte man auch die natürlich geologische und biologische Verdünnung der Freisetzung eines Unfalls nicht als "Heilmittel" für radioaktive Verseuchung ansehen!