In Russland brennen nuklear verseuchte Gebiete - droht jetzt eine neue Tschernobyl-Wolke? Strahlenschützer geben Entwarnung: Wegen der günstigen Wetterlage und der geringen Strahlung erwarten sie keine Gefahr für Deutschland.
Wird es über Deutschland eine zweite Tschernobyl-Wolke geben? Diese Frage dürften sich viele Menschen stellen, nachdem sie die offizielle Bestätigung der Behörden gehört haben: In Russland brennen auch radioaktiv verstrahlte Gebiete, etwa in der Region unweit von Tschernobyl in der Ukraine. Auf die Frage, was das für Deutschland bedeute, haben Strahlenschutzexperten wie Peter Jacob, Direktor des Instituts für Strahlenschutz des Münchener Helmholtz-Zentrums, eine so klare wie beruhigende Antwort: "Nichts." Auch das Bundesamt für Strahlenschutz (BfS) sagt, dass sich in Deutschland niemand vor Radioaktivität in der Luft fürchten müsse.
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In Russland brennen Gebiete, die bei der Katastrophe von Tschernobyl verstrahlt wurden. Eine radioaktive Wolke wie 1986 droht Deutschland nach Expertenmeinung aber nicht. (© dpa)
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Dafür gibt es zwei Gründe: Zum einen sorgt die seit Tagen herrschende Windströmung dafür, dass sich die Luft über Russland nur wenig bewegt. Anders als bei der Explosion in Tschernobyl werden radioaktive Partikel durch die Flammen nicht kilometerhoch in die Luft geschleudert. Brandwolken bewegen sich typischerweise in einer Höhe von 100 bis 200 Metern, und dort herrschen viel niedrigere Windgeschwindigkeiten als in mehreren Kilometern Höhe. "Das ist nicht mit der Situation zu vergleichen, wie wir sie beispielsweise nach dem Vulkanausbruch auf Island hatten", sagt Andreas Friedrich vom Deutschen Wetterdienst.
"Verglichen mit Tschernobyl ist das gar nichts"
Den Berechnungen der Meteorologen zufolge könnten sich bis zum Wochenende allenfalls einige Partikel Richtung Norden nach Sibirien ausbreiten. "Aber nicht nach Deutschland", sagt Friedrich. Verlässliche Vorhersagen, die über das Wochenende hinausgehen, seien zurzeit noch nicht möglich. Entscheidend für die Ausbreitung der Partikel ist auch der Niederschlag: Regen lässt die Partikel schneller zu Boden sinken.
Die aktuelle Wetterlage ist nicht der einzige Grund, warum Experten Entwarnung für die Situation in Deutschland geben. "Verglichen mit der Radioaktivität, die nach dem Reaktorunfall in Tschernobyl freigesetzt wurde, ist das jetzt gar nichts", sagt Strahlenschutzexperte Peter Jacob.
Er und seine Kollegen können sich unter anderem auf ihre Erfahrung mit früheren Bränden stützen. Auch im Jahr 2002 standen große Torfgebiete in Russland in Flammen. Damals registrierte das BfS an seiner Messstelle nahe Freiburg zwar Spuren radioaktiven Cäsiums. Diese wurden aber eindeutig als unbedenklich eingestuft, sie lagen im Bereich weniger Mikro-Becquerel.
"Bei den diesjährigen Bränden haben wir noch keine Radioaktivität in Deutschland gemessen", sagt BfS-Sprecher Florian Emrich. "Ob sich daran in nächster Zeit etwas ändern wird, lässt sich derzeit kaum abschätzen." Das BfS unterhält ein bundesweites Netz von Messsonden, sodass jede radioaktive Strahlung sofort registriert würde, wie Emrich sagt.
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Die Aussage: "Was da jetzt brennt, ist also nur noch ein kleiner Teil dessen, was nach der Explosion frei wurde", stimmt nur insoweit, als dass die kurzlebigen Radionuklide (zu denen man aber Cs-137 in diesem Fall nicht zählen darf) sich schon stark abgebaut haben und sich die Freisetzung der Radionuklide insgesamt geologisch und biologisch verdünnt (ausgebreitet) hat.*)
Die angeführte (richtige) Halbwertszeit von Cs-137 von etwa 30 Jahren bedeutet, dass heute nach ca. 24 Jahren noch immer mehr als 55% der ursprünglich freigesetzten Cs-137-Menge in der Umwelt vorhanden ist. 55% ist kein "kleiner Teil".
Eine Faustformel, die der Redaktion vielleicht hilft, (in Zukunft) mit Halbwertszeiten richtig umzugehen: Erst nach 10 Halbwertszeiten (also bei Cs-137 nach ca. 300 Jahren) ist die Menge auf 1 Promille (1/2 hoch 10 = 1/1024) zusammengeschrumpft. Das ist aber auch dann nur ein kleiner Teil zu nennen, wenn die chemische und/oder radiologische Toxizität nicht hoch oder die ursprünglich freigesetzte Menge gemessen an der chemischen und/oder radiologischen Toxizität schon relativ gering war.
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*) Man sollte sich den Merksatz "dilusion is no solution for pollution" vor Augen halten. In einem Radionuklid-Labor ist es ein extremer Verstoß gegen die Sicherheit, eine kleine Menge hoch-radioaktiver Substanz mit z. B. Wasser in großer Menge zu verdünnen und die nun nur noch sehr schwach-aktive Lösung leichtfertig zu entsorgen - die Radionuklide sind ja immer noch da. Aus dem selben Grund sollte man auch die natürlich geologische und biologische Verdünnung der Freisetzung eines Unfalls nicht als "Heilmittel" für radioaktive Verseuchung ansehen!