Vom Wandel der Arktis "Solche Orte sollten unerforscht bleiben"

Heute scheint es, als habe die Arktis die Rolle dieser wilden Natur übernommen, an der sich der Mensch abarbeiten und überhöhen kann - ist sie doch noch immer eine der am wenigsten erforschten Gegenden der Erde, der ausgefranste Rand der kontinentalen Landmassen, die sich bis vor Kurzem rund um das Polarmeer unter das Eisfeld schiebt.

Auch Wissenschaflter und Umweltschützer kommen zunehmend in die Arktis. Auf dem Bild: eine norwegische Forschungsstation.

(Foto: AFP)

Dabei ist sie nicht wirklich menschenleer wie die Antarktis oder inzwischen vollständig "zivilisiert" wie der amerikanische Westen. Sie ist vielmehr beider Gegenentwurf. Denn sie ist zwar längst aufgeteilt unter den Anrainerstaaten, doch leben in der gesamten Arktis, auf einer Fläche von rund acht Millionen Quadratkilometern, auf einer Landfläche mehr als 22-mal so groß wie Deutschland, nicht einmal vier Millionen Menschen - die Hälfte von ihnen in den unwirtlichen Städten der postsowjetischen Zeit wie Murmansk. Der riesige Rest ist praktisch menschenleer.

Die Arktis, schreibt Sara Wheeler, britische Reiseschriftstellerin und Chronistin der Polarwelt, "fängt den Geist unserer Zeit ein", die Unsicherheiten und Zweifel, die sie begleiten, die Zerrissenheit, die Ambivalenz. "Solche Orte sollten unerforscht bleiben", schreibt sie auch, sollten erhalten werden "als Jagdreviere für die poetische Phantasie".

Sie ist dabei nicht die Einzige: Der norwegische Entdecker und Nobelpreisträger Fridtjof Nansen war von Polarnächten und der unwirtlichen Landschaft magisch angezogen; der Vater der amerikanischen Umweltbewegung, John Muir, erklärte Alaska zu seiner großen Liebe. In seinem Klassiker "Travels in Alaska" entwickelte er Anfang des 20. Jahrhunderts die Idee von der Erhaltung der Natur, das also, was man heute profan als "Landschaftsschutz" definiert. Der Norden entlockte der Schriftstellern lithurgische Elegien und brachte sie dazu, Natur und Wildnis neu zu begreifen. "Diese Landschaft", schrieb der kalifornische Autor Barry Lopez in seinem preisgekrönten Nonfiction-Werk "Arctic Dreams", "kann auf merkwürdige Weise unsere selbstgefälligen Gedanken über das Land im Allgemeinen bloßstellen".

Aber auch das war die Arktis: der eroberungswürdige Fleck auf der Weltkarte im Wettlauf um die Pole, der Hochstapler genauso herausforderte wie Sucher nach dem letzten männlichen Abenteuer. Sie war Schauplatz von Jack Londons "Ruf der Wildnis" und dessen neues Eden während des Goldrausches. Sie war das dunkelste Schlachtfeld im Kalten Krieg, das der Beat-Poet Allan Ginsberg 1956 auf einem amerikanischen Militärschiff besuchte - nach dem Tod seiner russischen Mutter: Das Private und das Politische mischten sich in seinen Reisetagebüchern; um über den Kalten Krieg und seine Gesichtslosigkeit zu meditieren, gab es wohl keinen besseren Ort als diese kalte, dunkle, unnahbare Welt, in der sich Abhörstationen beider Seiten verstecken konnten.

Schließlich wurde die Arktis zum Sehnsuchtsort von Künstlern, Aussteigern, Hippies: 1960 reiste der togoische Autor Tété-Michel Kpomassie nach Grönland und lebte dort zehn Jahre mit den Inuit - zweimal so groß wie sie und vermutlich der einzige Schwarze im Umkreis von mehr als tausend Kilometern. 1992 marschierte Chris McCandless, ein kalifornischer Elitestudent, mit einer Kleinkaliberwaffe und einem Buch über Beeren in die Wildnis von Alaska; Monate später fand man seine Leiche, er war verhungert. Für den US-Autor Jon Krakauer wurde er zum Symbol des Suchers nach Freiheit, zum glücklosen modernen Walden, der sich den Fallen und Abhängigkeiten einer verstädterten Welt entziehen will. McCandless' Schicksal zeigte aber auch: Es waren immer nur sehr wenige Menschen, die sich der Härte der arktischen Realität aussetzten - und sie überlebten.