Vogelgesang Neue Stimmen in der Stadt

Die urbane Geräuschkulisse zwingt Vögel dazu, lauter oder höher zu singen als auf dem Land. Entwickeln sich nun neue Arten wie Schreihälschen und Stadtigall?

Auch Vögel passen sich zunehmend an das Leben in der Stadt an. So singen manche inzwischen nachts, zwitschern lauter oder trällern in höheren Tonlagen als ihre Artgenossen auf dem Land. Rotkehlchen etwa werden zu Nachtschwärmern und Kohlmeisen zu hochtonigen Schreihälsen.

Wird das Rotkehlchen zum Nachtsänger?

(Foto: Foto: dpa)

Dadurch wiederum entwickeln sich Tiere in Stadt und Land auseinander. Dies, so vermuten Ornithologen, könnte langfristig dazu führen, dass sogar neue Arten entstehen, die sich untereinander nicht mehr verstehen. Zwischen Asphaltpisten und Bahntrassen vollzieht sich die Evolution demnach im Zeitraffer.

Der Verhaltensbiologe Henrik Brumm von der Freien Universität Berlin hat zum Beispiel herausgefunden, dass männliche Stadt-Nachtigallen gegen laute Hintergrundgeräusche förmlich anschreien. In Berlin etwa waren sie bis zu 14 Dezibel lauter als ihre Artgenossen in den umliegenden Wäldern. Die Lautstärke steige proportional zum Pegel der Hintergrundgeräusche, berichtet das britische Magazin New Scientist. An Werktagen hätten die Vögel morgens daher besonders laut gesungen.

Eine ähnliche Strategie haben Kohlmeisen, wie eine Studie der niederländischen Forscher Hans Slabbekoorn und Ardie den Boer-Visser von der Universität Leiden zeigte. Kohlmeisen pfeifen in Städten höher, schneller und kürzer als in freier Natur, um sich vom zumeist tieffrequenten Grummeln der Metropolen abzuheben.

Die Forscher hatten die Tiere in zehn Städten beobachtet, darunter Berlin, London und Paris. Und es zeigte sich überall dasselbe Bild, wie die Vogelkundler 2006 im Fachjournal Current Biology berichteten. Diese Flexibilität mache Kohlmeisen erst zu Überlebenden des "städtischen Dschungels".

Feiner Gesang geht unter

Rotkehlchen hingegen setzen weniger auf die Kraft ihrer Stimme. Sie weichen auf die selbst in Städten ruhigeren Nachtstunden aus, wie Richard Fuller von der Universität Sheffield ergründete. Je lauter die Geräuschkulisse am Tag ist, desto eher erheben Rotkehlchen nachts ihre Stimme, schrieben Forscher um Fuller im vergangenen Jahr in den Biology Letters der britischen Royal Society. Allerdings belaste das Nachtsingen die zierlichen Tiere, da sie weniger schlafen und dadurch einen gesteigerten Stoffwechsel haben.

Grundsätzlich sind besonders diejenigen Vögel vom Lärm betroffen, die einen feinen Gesang haben und bei der Balz auf ihre Stimme angewiesen sind, sagt Martin Nipkow, Vogelschutzexperte beim Naturschutzbund Deutschland (NABU). "Dazu gehört das Rotkehlchen mit seinem leisen, perlenden Gesang." Tote Räume seien die Lebensräume neben Straßen deswegen freilich nicht. Tauben etwa hätten weniger Probleme mit städtischem Trubel, weil sie ihre Weibchen mit Balzflügen umgarnen.

Dass Vögel in lauter Umgebung hohe Töne in ihr Stimm-Repertoire aufnehmen, ist laut Nipkow kein neues und auch kein rein städtisches Phänomen. "Man kennt das von Vögeln an reißenden Flüssen", sagt er. Beispiele seien Wasseramseln und Eisvögel. Erstaunlich sei aber, wie schnell die Anpassung in Städten gelungen sei. Das zeige, dass die Tiere sich in wenigen Generationen anpassen können - zumindest manche. Weniger anpassungsfähigen Arten droht dagegen das Aus. Zu den Verlierern zählen dem New Scientist zufolge die Goldamsel, der Kuckuck, der Drosselrohrsänger und der Hausspatz, weil sie nicht in der Lage sind, höher zu singen.

Völlig anders könnte Lärm auf Zebrafinken wirken. Diese in Australien heimischen Vögel mit ihren leuchtend roten Schnäbeln sind ihrem Partner normalerweise ein Leben lang treu. Bei Lärm hingegen schwindet ihre Monogamie, wie Forscher um John Swaddle vom College of William and Mary in Williamsburg, Virginia, herausfanden. Das könnte daran liegen, dass Weibchen die vertrauten Laute ihrer angestammten Männchen nicht mehr hören können, berichteten die Wissenschaftler im Fachmagazin Animal Behaviour.

Ob Untreue, Nachtgesang oder tierisches Geschrei - der Lärm in Städten beeinflusst das Leben vieler Vögel. "Die heile Welt fängt eben nicht gleich neben der Fahrbahn an", sagt NABU-Experte Nipkow.