Völker Südamerikas Blutiger Amazonas

Die Kämpfe müssen extrem blutig gewesen sein: Schon vor dem Eintreffen der Europäer war Südamerika ein Schlachtfeld, wie eine neue Studie zeigt. Die Gründe für Kriege und Kämpfe waren immer dieselben - Rache, Ehre, Eifersucht.

Von Sebastian Herrmann

Eine Mutter des brasilianischen Yanomami-Stammes mit ihrem Kind

(Foto: NAUNDORF, CATHLEEN)

Die Volksgruppen im Amazonasgebiet blicken auf eine blutige Geschichte zurück. Schon vor dem Kontakt zu den Europäern gehörten tödliche Tragödien dort fast zum Alltag. Die Mortalitätsrate durch Überfälle, Konflikte oder Kriege zwischen Stämmen lag dort bei etwa 30 Prozent der Gesamtbevölkerung.

Das berichtet der Anthropologe Robert Walker von der Universität Missouri im Fachblatt Evolution and Human Behaviour (online). Die Studie widerspricht also abermals der weitverbreiteten Vorstellung vom friedliebenden Menschen, der in einer Art Naturzustand mit Brüdern, Schwestern und der Umwelt in Harmonie lebt und erst durch den Kontakt mit der westlichen Zivilisation korrumpiert wird. Stattdessen zeige die Studie, dass es stets die gleichen Gründe seien, deretwegen sich die Menschen gegenseitig die Köpfe einschlagen: "Rache, Ehre, Territorialansprüche und Eifersucht", sagt Walker. Deswegen töteten sich die Stammesangehörigen im Amazonasgebiet und deswegen bekriegten sich die Menschen noch heute auf der ganzen Welt.

Der Anthropologe wertete für seine Studie elf Untersuchungen aus seinem Fachgebiet aus, in denen von insgesamt 238 Konflikten mit 1145 Toten in 44 verschiedenen Gesellschaften des Amazonasbeckens berichtet wird. Dabei suchte er nach Faktoren, die darüber entschieden, wie blutig diese Konflikte ausgingen. Kämpfe zwischen Stämmen mit gleicher oder ähnlicher Sprache, waren demnach besonders häufig - die Opferrate war dabei jedoch vergleichsweise niedrig. Standen sich bewaffnete Krieger von Stämmen mit unterschiedlichen Sprachen gegenüber, verliefen die Auseinandersetzungen hingegen besonders blutig. Dafür kam es seltener zu solchen Konflikten zwischen einander sehr fremden Stämmen.

Auf den weitverbreiteten Frauenraub hatte es keinen Einfluss, ob sich die beteiligten Stämme in den gleichen Sprachen verständigten. Und die blutigsten Konflikte, berichtet Walker, waren zugleich die niederträchtigsten: Gelegentlich wurden die arglosen Angehörigen fremder Stämme unter einem Vorwand eingeladen und dann nach einem Festmahl regelrecht abgeschlachtet.

Egal was passierte, irgendeinen Grund für Rache habe es immer gegeben, so Walker. Manche Stämme hätten sich fast gegenseitig ausgerottet. Erst mit dem Kontakt zu den Europäern ging die Gewalt zurück. Die Christianisierung und die Einführung sowie Durchsetzung von Gesetzen hätten zwar zur einem dramatischen Verlust an kultureller Identität geführt, so Walker, dafür aber die Gewalt eingedämmt.

Unter einigen mehr oder weniger isoliert lebende Ethnien des Amazonasgebietes ist die Sterberate durch Gewalt noch immer hoch. Unter den Yanomami erreicht die kriegsbedingte Mortalität Raten von 20,9 Prozent der Bevölkerung. Bei den Waorani lag sie zwischen 1860 und 1960 sogar bei fast 44 Prozent. Zum Vergleich: Im Ersten Weltkrieg starben drei Prozent der Gesamtbevölkerung von Frankreich und Deutschland.