Virus-Epidemie Masern-Welle erfasst Deutschland

Allein in Hamburg wurden bereits 101 Masern-Fälle gemeldet. Experten sehen Impfmüdigkeit und ideologische Bedenken als Ursache.

Von Christina Berndt

Deutschland wird von einer Masern-Welle heimgesucht. Besonders drastisch sei die Entwicklung in Hamburg und in Nordrhein-Westfalen, berichtete das Robert-Koch-Institut am Montag.

Masern sind nicht so harmlos, wie viele Eltern meinen. Der einzige wirksame Schutz ist eine Impfung,

(Foto: Foto: ddp)

In Hamburg wurden seit Jahresbeginn 101 Fälle gemeldet, mehr als in allen Jahren seit der 2001 eingeführten Meldepflicht zusammen: "Das ist eine alarmierende Zahl", sagte Rico Schmidt, Sprecher der Hamburger Gesundheitsbehörde. "Man kann schon von einer Epidemie reden."

Erst vor kurzem hatte die Weltgesundheitsorganisation Deutschland gerügt, nicht genug gegen die Masern und andere Infektionskrankheiten zu tun. Eigentlich sollte die Viruserkrankung hierzulande längst ausgerottet sein.

Doch Nachlässigkeit und ideologische Bedenken sorgen dafür, dass die Kinder und Jugendlichen zu selten geimpft werden.

Dabei sind die Masern keinesfalls so harmlos, wie viele Eltern meinen. "Masern können wie viele andere Kinderkrankheiten auch ernste Folgen haben", betont Wolfram Hartmann, der Präsident des Berufsverbandes der Kinder- und Jugendärzte. "Die meisten Fälle heilen folgenlos aus. Aber es kommt auch immer wieder zu schweren Komplikationen bis hin zu Todesfällen."

Wie gefährlich die Krankheit werden kann, zeigte der letzte große Ausbruch im Jahr 2006. Damals erkrankten in Deutschland etwa 2300 Menschen, die meisten davon in Nordrhein-Westfalen.

Zwei tote Kinder 2006

Zwei Kinder starben, sieben erlitten die gefürchtete Gehirnentzündung, die mitunter von den Viren ausgelöst wird. Zudem kam es zu einem Fall von Hirnhautentzündung, zu 45 Mittelohrentzündungen und 51 Lungenentzündungen. 15 Prozent aller Erkrankten mussten im Krankenhaus behandelt werden.

"Auch Jahre nach der Krankheit kann es noch zu einer Spätkomplikation kommen, einer Entzündung des gesamten Gehirns namens SSPE", sagt Hartmann. Diese führe zu schweren Behinderungen und schließlich zum Tod.

Der einzige wirksame Schutz vor den Masern sei eine Impfung, betonte RKI-Präsident Jörg Hacker. Er verwies darauf, dass im Kleinkindalter verpasste Impfungen später noch nachgeholt werden könnten. Auch sei wenige Tage nach dem Kontakt mit den Viren noch eine Impfung möglich.

Bedenken gegen das Impfen, wie sie vor allem in anthroposophischen Kreisen kursieren, lassen die Experten nicht gelten. "Alle veröffentlichten Fälle von SSPE betrafen Kinder, die nicht geimpft wurden", betont Hartmann.

Wenn ein Kind dagegen durch die Impfung eine krankheitsähnliche Impfreaktion bekomme, verlaufe diese in der Regel milde. Es sei eine Ironie der Geschichte, so der Kinderarzt, dass ausgerechnet der Erfolg früherer Impfprogramme dazu geführt habe, dass die Menschen heute zu sorglos mit der gefährlichen Krankheit umgingen.