Von Ernst-Ludwig Winnacker, Ex-DFG-Chef und Generalsekretär des European Research Council

Neben der Verschiebung des Stichtags sind noch eine weitere Änderung unbedingt nötig. Derzeit riskieren deutsche Forscher sogar Strafverfolgung, wenn sie im Ausland mit Zellen jüngeren Datums arbeiten.

Die Verschiebung des Stichtags ist überfällig. Die alten Stammzelllinien, mit denen deutsche Wissenschaftler heute arbeiten dürfen, sind mit tierischen Zellen verunreinigt. Zudem haben viele Zellkulturen inzwischen ihre Teilungsfähigkeit eingebüßt. Stammzelllinien neueren Datums sind dagegen ohne diese Mängel. Sie sind deshalb im Prinzip auch therapeutisch einsetzbar.

Ernst-Ludwig Winnacker (© Foto: ddp)

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Derzeit brauchen wir die Zellen aber in erster Linie als wichtige Werkzeuge der zellbiologischen Grundlagenforschung. Wer wissen möchte, wie aus einem einzelligen Embryo ein Mensch wird, kann ohne eine so wichtige Schaltstelle wie die embryonale Stammzelle nicht auskommen.

Auch wenn es in jüngerer Zeit Erfolge gab, die andeuten, dass eines Tages auf embryonale Stammzellen verzichtet werden kann: Natürlich werden diese Zellen weiterhin benötigt. Insgesamt verstehen wir noch immer viel zu wenig von Zelltherapien. Wir brauchen weitere Forschung.

Dabei ist es absurd, dass es manche Gegner der Stammzellforschung den Forschern sogar zum Vorwurf machen, dass es bisher noch keine Therapien mit Stammzellen gibt.

Was würden unsere Kritiker sagen, wenn man Stammzellen voreilig eingesetzt hätte - womöglich mit negativen Folgen für die Patienten? Hat man denn völlig vergessen, wie lange die Entwicklung "normaler" Arzneimittel heute dauert?

Sechs Jahre sind nichts in der Entwicklung neuer Therapiekonzepte, schon gar nicht in einem derart innovativen Arbeitsgebiet wie der Stammzellforschung.

Neben der Verschiebung des Stichtags gibt es aber noch eine weitere Änderung, die unbedingt nötig ist: Die Strafbewehrung im Stammzellgesetz muss aufgehoben werden. Derzeit riskieren deutsche Forscher Strafverfolgung, wenn sie im Ausland mit Zellen jüngeren Datums arbeiten. Das stellt die Wissenschaft unter Generalverdacht und verbreitet Unsicherheit, die der Stammzellforschung im Ganzen abträglich ist.

Dem Gebiet schlägt in Deutschland ohnehin große Ablehnung entgegen. Man unterstellt Stammzellforschern eine unersättliche Gier nach moralischen Grenzüberschreitungen.

Warum eigentlich? Ihr Leumund könnte kaum besser sein. Sie haben das Embryonenschutzgesetz nachdrücklich unterstützt, wenn nicht gar mitgestaltet. Von Gesetzesbrüchen ist mir nichts bekannt.

Nicht einmal zu der von den Gegnern der Stammzellforschung befürchteten explosionsartigen Zunahme von Projekten mit embryonalen Stammzellen ist es hierzulande gekommen. Leider, muss ich sagen, denn die Stammzellforschung ist eines der meistversprechenden Felder der Biomedizin.

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(SZ vom 14.02.2008)