Von Marcus Anhäuser

Die Geschichte der Säugetiere muss womöglich neu erzählt werden: Ihre große Stunde kam offenbar doch nicht mit dem Ende der Dinosaurier, sondern erst viel später.

Es gibt Geschichten, die werden immer wieder erzählt. Und keiner fragt mehr, ob sie stimmen.

Evolution, Säugetiere, Dinosaurier

Skelett eines Mastodons. Die große Stunde der Säuger kam erst lange nach dem Ende der Dinosaurier. (© Foto: Reuters)

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Eine Geschichte geht so: Der Mensch verdankt seine Existenz allein einem kosmischen Zufall. Als vor 65 Millionen Jahren ein Meteorit auf der Erde einschlägt, rafft es die Dinosaurier dahin. Das Massensterben ermöglicht den Aufstieg der Säugetiere, die den Mensch hervorbringen.

Doch eine neue Untersuchung stellt diese Version der Geschichte in Frage: "Das Massenaussterben und das Ende der Saurier hat nach unseren Ergebnisse keine entscheidende Rolle für die Evolution der heute lebenden Säugergruppen gespielt", sagt Olaf Bininda-Emonds von der Uni Jena (Nature , Bd.446, S.507, 2007).

Demnach seien moderne Säugerordnungen wie die Nagetiere, Primaten oder Raubtiere viel früher entstanden als viele geglaubt hätten.

Es ist eine These, die Anlass dazu geben könnte, Schulbücher umzuschreiben. Bininda-Emonds und sein Team stützen sich auf den umfassendsten molekulargenetischen Stammbaum, der jemals für die Säugetiere erstellt wurde.

Er umfasst 99 Prozent aller lebenden Arten, von der Spitzmaus bis hin zum Blauwal, nur 44 der 4554 bekannten Spezies blieben unberücksichtigt, weil über sie zu wenig bekannt ist.

Bininda-Edmonds ist Fachmann für Superstammbäume: "Das sind Stammbäume, in denen man am Computer viele kleinere Bäume zu einem großen zusammenfasst", sagt er.

Vier Jahre haben er und seine Kollegen gebraucht, um alle Daten, die andere Wissenschaftler erstellt hatten, zusammenzufassen.

Dass die Evolution der Säuger anders abgelaufen sein könnte, als es die Fossilien erzählen, darauf hatten in den vergangenen Jahren immer wieder molekulargenetische Analysen hingewiesen. Doch nie hat es einen so umfassenden Ansatz gegeben.

Für den Eintrag im Stammbaum genügt den Evolutionsbiologen ein wenig DNS der Säuger. Die Wissenschaftler verglichen dabei ausgesuchte Abschnitte des Erbguts.

Anhand von Sequenz-Unterschieden, die durch Mutationen entstehen, und anhand der mehr oder weniger konstanten Mutationsrate pro Zeit bestimmen die Forscher, wie eng Tiergruppen verwandt und wann sie in der Evolution entstanden sind. Den genauen Zeitpunkt kalibrieren sie, indem sie ihre Daten mit den Ergebnissen aus den Fossilienfunden abgleichen.

Säuger-Gruppe blühte erst spät richtig auf

Nach dem neuen Superstammbaum verlief die Evolution moderner Säugetier allerdings etwas anders ab, als es die fossilen Überreste erzählen - vor allem in der Zeit vor dem Dinosaurier-Sterben, aus der es kaum Fossilien gibt.

Nach den genetischen Daten explodierte die Säugervielfalt nicht kurz nach dem Dino-Massensterben vor 65 Millionen Jahren.

Die Gruppe der Säuger blühte das erste Mal vor 75 bis 100 Millionen Jahren richtig auf. "Und schon damals entstanden die Ordnungen, die wir heute kennen, die Primaten, die Nager, die Raubtiere oder die Huftiere", sagt Bininda-Edmonds.

Nach dem Ende der Dinosaurier hätten zwar einige Säugergruppen einen kleinen Schub erlebt: "Das belegen auch die Fossilien", sagt der Forscher aus Jena, "aber es waren nicht die Gruppen, die wir heute kennen."

Nach kurzem Aufschwung starben die meisten dieser Urzeitsäuger aus. Erst danach, vor rund 56 Millionen Jahren, gab es eine explosionsartige Vermehrung Säuger: Die Evolution brachte in den folgenden 22 Millionen Jahren all die Familien zustande, die heute die Erde bevölkern - aber auf der Grundlage einer Artenvielfalt, die zig Millionen Jahre zuvor entstanden war.

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