Verhaltensbiologie "Der Mensch ist nicht die einzige Art, die schlechter Führung zum Opfer fällt"

Auch bei Spinnen gibt es Führungspersönlichkeiten.

(Foto: dpa)

Mutige Spinnen werden eher Anführer. Die Kolonie folgt ihnen bereitwillig - und nicht selten ins Verderben.

Von Christopher Schrader

Wer Spinnen anführen will, braucht Charakter. Vor allem kommt es auf Mut an, damit die Kolonie folgt und sich gemeinsam auf eine im Netz zappelnde Beute stürzt. Doch wehe, die unter Spinnen meist weibliche Chefin irrt - dann stürzt sie, wie Biologen festgestellt haben, die gesamte Kolonie ins Verderben. Anführer können zur "Achillesferse einer Gruppe" werden, sagt Jonathan Pruitt von der University of California in Santa Barbara. "Offenbar ist der Mensch nicht die einzige Art, die schlechter Führung zum Opfer fällt."

Nicht viele Spinnenarten bilden stabile Gemeinschaften. Ein Beispiel ist Stegodyphus dumicola, die in der südafrikanischen Wüste Kalahari auf Dornenbäumen lebt. Kolonien von bis zu 2000 der sechs Millimeter großen, hellbraunen Spinnen weben hier mehrere Quadratmeter große Gemeinschaftsnetze. Äußerlich unterscheiden sich mutige und furchtsame Tiere kaum. Ihr Charakter zeigt sich, wenn Forscher die Spinnen anpusten. Auf die Achtbeiner wirkt das wie der Flügelschlag eines Vogels, sie ziehen alle Beine ein und bleiben regungslos liegen. Manche krabbeln nach einigen Sekunden mutig weiter, die meisten verharren jedoch zehn Minuten lang in Schockstarre.

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Die mutigen Tiere sind für die Kolonie wertvoll, wenn es Futter zu holen gilt und keine Feinde lauern - neben Vögeln vor allem Ameisen. "Ändern sich die Verhältnisse, können Anführer zur Belastung werden", sagt Pruitt. Um das zu zeigen, haben die Forscher zunächst einzelne Tiere trainiert, mutige wie furchtsame. Diese lernten zum Beispiel, dass andauernde leichte Vibrationen ihres Netzes einen Motten-Happen versprachen, während kurze, heftige Ausschläge vor Ameisen warnten (Proceedings B der Royal Society).

Spinnen mit diesem Spezialwissen kamen dann in eine Kolonie untrainierter, furchtsamer Artgenossen. Als die Forscher das gemeinschaftliche Netz vibrieren ließen, lernten auch die anderen Tiere, die Signale richtig zu interpretieren. Bei manchen Kolonien hingegen vertauschten die Forscher die Signale. Erwartete die trainierte Spinne eine Motte, geriet sie beim Lospreschen an eine Ameise; versteckte sie sich vor dem Feind, entging ihr das Futter. Von diesem Verhalten der sozusagen falsch programmierten Artgenossen ließen sich die Kolonien nicht lang irritieren - sofern die Neue eine schüchterne Spinne war.

Folgten sie jedoch einer falsch gepolten Führungskraft, geriet die ganze Gemeinschaft in Gefahr. Manche Kolonien verhungerten trotz reichhaltiger Nahrung, andere griffen immer wieder Ameisen an. In der Natur kostet das die Spinnen schnell das Leben. "Offenbar sind die Kolonien gegenüber ihren Anführern einigermaßen geduldig und lassen einige Fehler durchgehen", sagt Kate Laskowski vom Berliner Leibniz-Institut für Gewässerökologie und Binnenfischerei, die Erfahrung mit der Erforschung sozialer Spinnen hat.

"Schlüssel-Individuen verbreiten falsche Informationen sehr effektiv, aber korrekte kaum", schließt Pruitt aus dem Experiment. "Das war überraschend, um es vorsichtig auszudrücken." Und bei aller Zurückhaltung des Wissenschaftlers kann es sich der Amerikaner nicht verkneifen, eine Parallele zu ziehen: "Nehmen wir mal an, Donald Trump wäre so eine Spinne . . ."

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