USA: Atomunfall in Harrisburg 1979 Chronik einer Kernschmelze

"Die Schalttafel war wie die blinkende bunte Kette eines Weihnachtsbaums", sagte einer der Techniker, die damals in Three Mile Island Dienst hatten. 1979 standen die USA vor einer nuklearen Katastrophe - und das ohne Erdbeben oder Tsunami.

Von Jeanne Rubner

Als Edward Frederick und Craig Faust am 27. März 1979 um 22 Uhr ihre Schicht im Kontrollraum antreten, sieht es nach einer ruhigen Nacht aus. Der zweite Meiler des Kernkraftwerks Three Mile Island ist fabrikneu, das Unternehmen Metropolitan Edison hat den Druckwasserreaktor erst drei Monate zuvor ans Netz gehängt. Die zwei Reaktorfahrer haben keinen Grund anzunehmen, dass etwas schieflaufen könnte. Sechs Stunden später ist der Reaktorkern fast zur Hälfte geschmolzen.

Die Kernschmelze im japanischen Fukushima weckt böse Erinnerungen an den - nach Tschernobyl - weltweit schwersten Reaktorunfall vor 32 Jahren auf einer kleinen Halbinsel im Fluss Susquehanna nahe Harrisburg, der Hauptstadt von Pennsylvania. Zwar gab es damals kein Erdbeben und keinen Tsunami. Es standen nicht sechs Reaktorblöcke dicht nebeneinander. Doch gerade deshalb zeigt der Unfall von Three Mile Island, dass es auch ohne Naturkatastrophe zur Kernschmelze kommen kann und wie dramatisch die Folgen sind, selbst wenn der Störfall vergleichsweise glimpflich ausging.

Um vier Uhr morgens, es ist inzwischen der 28.März, schalten sich zwei Kühlpumpen im nicht radioaktiven "Sekundärkreislauf" ab. Vermutlich ist Feuchtigkeit in die Pumpen gelangt. Das ist nicht außergewöhnlich - und doch gefährlich, weil die Pumpen den Dampferzeuger im "Primärkreislauf" kühlen, zu dem auch der Reaktorkern gehört. Sekunden nach dem Ausfall der Kühlpumpen schaltet sich erst die Turbine und dann der Reaktor ab. Steuerstäbe fallen in den Kern und bremsen den Neutronenfluss.

Fehlerhafte Ventile

Die Kettenreaktion ist gestoppt. Doch wegen der Nachzerfallswärme des nuklearen Prozesses muss der Kern weiter gekühlt werden. Weil die Turbine aber keine Wärme mehr abführt, steigt der Druck. Dem steuert man normalerweise mit dem Öffnen eines Sicherheitsventils entgegen. Gewöhnlich schließt es sich nach zehn Sekunden wieder - doch an diesem frühen Morgen bleibt es offen. Frederick und Faust, die beiden Reaktorfahrer, wissen das nicht. Zwar gibt es zahllose Anzeigen auf der Kontrolltafel, jedoch keine für dieses Sicherheitsventil.

Noch machen sich die zwei Techniker keine Sorgen. Erstens wissen sie nichts von dem offenen Ventil, durch das Kühlwasser entweicht, zweitens gibt es Notpumpen, die zusätzlich Wasser in den Kern pumpen. Was sie nicht ahnen: Dieses Wasser kommt am Kern nicht an. Die Zufuhr ist versperrt, weil bei einer Wartung zwei Wochen zuvor zwei Ventile geschlossen wurden. Fälschlicherweise. Eigentlich darf der Reaktor in diesem Zustand nicht hochgefahren werden. Frederick und Faust verkennen noch immer die Gefahr: Zwar gibt es keine Anzeige des Wasserstands im Reaktorkern, aber auf Basis der Druckmessung im Dampftauscher schließen sie, dass der Kern ausreichend gekühlt wird. Als der Druck sich ihrer Meinung nach stabilisiert hat, drosseln sie gar die Wasserzufuhr.

Inzwischen werden die beiden von zwei Schichtleitern unterstützt. Ein Messinstrument zeigt an, dass der Wasserspiegel im Reaktorkern steigt. Dass zugleich alle möglichen Lichter und Anzeigen blinken, macht die vier Männer zwar nervös. Schon in den ersten zwei Minuten nach dem Ausfall der Pumpe hatten Frederick und Faust Dutzende von Alarmmeldungen erhalten. Später kommt die Warnung vor radioaktiver Strahlung hinzu. "Die Schalttafel war wie die blinkende bunte Kette eines Weihnachtsbaums", wird Craig Faust sich später erinnern.

Die Männer ahnen aber noch immer nicht, dass sie es mit dem schwersten Unfall, einem Kühlmittelverlust, zu tun haben. Bereits um 4.15 Uhr läuft radioaktives Wasser aus dem Primärkreislauf in den Sicherheitsbehälter. Um 5.20 Uhr haben sich massive Dampf- und Wasserstoffblasen gebildet, was den spärlichen Kühlwasserfluss weiter behindert. Mehr als 110.000 Liter - ein Drittel der Kapazität des Kühlsystems - sind zu diesem Zeitpunkt verlorengegangen, wird die Untersuchungskommission, die US-Präsident Jimmy Carter beauftragt, später feststellen. Der Reaktor ist zu diesem Zeitpunkt längst außer Kontrolle, die frei gelegten Brennstäbe erhitzen sich auf 2000 Grad Celsius. Als es drei Jahre später erstmals gelingt, mit einer ferngesteuerten Kamera das Innere des Kessels zu fotografieren, sind Fachleute entsetzt: Statt Brennelemente sehen sie nur eine tiefe, schwarze Höhle.

Um sechs Uhr morgens kommt die Frühschicht. Ein Techniker bemerkt die hohe Temperatur in einem Zulauf zum Sicherheitsventil und schließt dieses. Zweieinhalb Stunden nach Beginn des Störfalls gelangt nun Radioaktivität nach außen; um 6.56 Uhr erklärt ein leitender Ingenieur den Ausnahmezustand für die Anlage, eine halbe Stunde später ruft der Kraftwerksdirektor diesen auch für die Umgebung aus.

Tagelang kämpfen Techniker und Ingenieure der Atomaufsicht NRC und des Kraftwerksbauers Babcock & Wilcox gegen die drohende Explosion. Vor allem die Wasserstoffblase, die sich oberhalb der schmelzenden Brennstäbe gebildet hat, bereitet den Fachleuten Sorgen. Falls das hochexplosive Gas sich entzündet, kann das Containment bersten - in Tschernobyl ist das passiert. In Harrisburg haben sie Glück: Das Containment hält stand, die heiße, flüssige, hochradioaktive Masse aus dem Kern bleibt im Auffangbecken. Das China-Syndrom, ein "Durchfressen" des Kerns in das Erdreich, das Horrorszenario schlechthin, das der gleichnamige Film aus demselben Jahr schildert, bleibt aus. Am 3.April, sechs Tage nachdem die Pumpen ausgefallen sind, wird Entwarnung gegeben, eine Wasserstoffexplosion ist unwahrscheinlich. Aber erst einen Monat später wird man den Reaktor für "vollends unter Kontrolle" erklären.

Eine Milliarde Dollar für Aufräumarbeiten

Am 29. März fordert die Regierung von Pennsylvania schwangere Frauen und Vorschulkinder im Umkreis von knapp zehn Kilometern um den havarierten Reaktor auf, die Gegend zu verlassen. Innerhalb weniger Tage packen 140.000 Menschen ihre Sachen und fahren weg. Viele von ihnen fühlen sich schlecht oder falsch informiert. Offiziellen Angaben zufolge war die Strahlung zu gering, um Menschen zu schädigen. Etwa zwei Millionen Bewohner hätten eine mittlere Dosis von zehn Mikrosievert abbekommen. Die höchste Belastung, die Anwohner in unmittelbarer Nähe des Reaktors erfahren hätten, hätte ein Millisievert betragen - das wäre nicht mehr als die natürlich Strahlenbelastung eines Jahres.

Ende Oktober 1979 kommt die Untersuchungskommission des Präsidenten zum Schluss, dass der Reaktor 1984 wieder saniert sein werde und ans Netz gehen könne. Eine grandiose Fehleinschätzung: Im Juli 1980 werden Menschen das Reaktorgebäude betreten, vier Jahre später beginnt das Aufräumen. In mühseliger und langwieriger Kleinstarbeit werden die verschmolzenen und verklumpten Reaktorteile zerlegt, zerschnitten und entsorgt. 3000 Fachkräfte sind elf Jahre lang daran beteiligt. Kosten: Mehr als eine Milliarde Dollar, mehr als der Reaktor gekostet hat.

Damals waren auch japanische Experten in Harrisburg. Sie sollten am Unfallort wertvolle Erfahrungen sammeln. Japans Stromkonzerne haben für diesen praktischen Unterricht 18 Millionen Dollar beglichen.