Studie: Religion in den USA Wissend sind die Ungläubigen

Nicht einmal jeder zweite Christ in den USA weiß, wer die Reformation angestoßen hat. Und wo Jesus geboren ist, ist im Land der Strenggläubigen nur bedingt bekannt, sagt eine US-Studie. Am besten kennen sich die Atheisten mit der Religion aus.

Von Markus C. Schulte von Drach

Protestanten sollten wissen, dass am Anfang der Reformation der Mönch Martin Luther stand. Und Katholiken müsste klar sein, dass sie glauben, Brot und Wein verwandle sich tatsächlich in den Leib und das Blut Christi. Doch ausgerechnet die Amerikaner, die zum überwiegenden Teil tief religiös sind, wissen erstaunlich schlecht Bescheid, wenn es um den eigenen Glauben oder ihrer Mitmenschen geht. Das zeigt eine Studie des unabhängigen amerikanischen Pew Research Centers.

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Und wenn es um Religion im Allgemeinen geht, dann wissen ausgerechnet Atheisten und Agnostiker besonders gut Bescheid, gefolgt von Juden und Mormonen. Die Studie widerlegt ein verbreitetes Vorurteil gegenüber Nichtgläubigen: Nicht an die Existenz von Göttern zu glauben, hängt offenbar nicht damit zusammen, dass Nichtgläubige zu wenig über Religion wüssten.

Die Ergebnisse stützen vielmehr die Behauptung mancher Atheisten und Agnostiker, dass gerade ein großes Wissen über Religion - aber nicht über Religion allein - viele Menschen am Glauben zweifeln lässt.

Insgesamt beantworteten die Studienteilnehmer die Hälfte der Fragen richtig. Doch als die Wissenschaftler Faktoren wie genaue Religionszugehörigkeit, die Intensität des Glaubens und die Zugehörigkeit zu einer bestimmten Ethnie berücksichtigten, stießen sie auf deutliche Unterschiede. Atheisten (welche die Existenz von Göttern ausschließen) und Agnostiker (die an keine bestimmten Götter glauben, aber die Existenz nicht ausschließen) kannten sich in fast allen Bereichen besser aus als Christen. In der Regel lagen Juden und Mormonen knapp hinter den Ungläubigen und vor den Christen.

Wissenschaftler des Pew Forum on Religion & Public Life in Washington hatten im Juni dieses Jahres insgesamt 3412 erwachsene US-Bürger telefonisch interviewt und ihnen dabei Fragen zu ihrem Glauben und ihren politischen Ansichten gestellt. Wie sich herausstellte, beantworteten Christen im Durchschnitt zwischen 11,6 und 17,6 der 32 Fragen korrekt - Atheisten und Agnostiker hingegen durchschnittlich 20,9 Fragen.

Bei den Fragen ging es insbesondere um Inhalte der Bibel oder um Götter, Feste und Persönlichkeiten, die in den verschiedenen Religionen eine wichtige Rolle gespielt haben oder noch spielen. So wurde zum Beispiel danach gefragt, welches das erste Buch der Bibel ist, wo Jesus geboren sein soll, um was für ein Fest es sich beim Ramadan handelt und wann der jüdische Sabbat beginnt. Einige Fragen betrafen auch US-Gesetze, die die Religion betreffen.

Sogar Fragen zum Inhalt des Alten Testaments beantworteten Atheisten und Agnostiker besser als Christen insgesamt, wurden von Juden, Mormonen und evangelikalen Protestanten allerdings noch übertroffen. Ging es um das Neue Testament, kannten sich Protestanten, insbesondere die Evangelikalen - und Mormonen besonders gut aus. Die Katholiken aber waren nicht besser als die Nichtgläubigen.

Gerade mal jeder zweite Katholik wusste, was bei der Eucharistie passiert. Bei den Protestanten waren es noch deutlich weniger. Nicht einmal jeder zweite Protestant wusste, dass die Reformation auf Martin Luther zurückgeht. Unter den Nichtgläubigen wussten das mehr als zwei Drittel.

Bibel macht Atheisten

Auffällig war den Forschern zufolge, dass im Durchschnitt jene mit höherer Bildung auch mehr über Religion wussten. Und wer die Bibel nicht als Wort Gottes betrachtete, lag häufiger richtig als jene, die dies taten, aber die Heilige Schrift nicht wörtlich nehmen wollten. Am schlechtesten schnitten jene ab, die davon ausgingen, die Bibel stamme Wort für Wort von Gott.

Unterschieden nach Glauben und Herkunkt schnitten die Nichtgläubigen, Juden und Mormonen noch immer mit Abstand am besten ab. Evangelikale beantworteten im Schnitt jedoch 17,6 Fragen, und damit mehr als weiße Katholiken, andere weiße Protestanten und schwarze Protestanten. Am schlechtesten schnitten hispanische Katholiken mit durchschnittlich 11,6 richtig beantworteten Fragen ab.

Kritiker der Studie könnten möglicherweise die Auswahl der Fragen bemängeln. Auch war die Verteilung der Studienteilnehmer nicht ausgeglichen. So lag zum Beispiel der Anteil der befragten Nichtgläubigen (212) an der Teilnehmerzahl über den vier Prozent, die sie einer früheren Untersuchung zufolge an der erwachsenen US-Bevölkerung haben sollen. Ähnliches galt für Juden und Mormonen.

Atheisten fühlen sich trotzdem bestätigt in der Überzeugung, Nichtglaube sei eine Konsequenz von Wissen, nicht von Unwissenheit. So kommentierte Dave Silverman, Präsident der American Atheists, die Studie in der New York Times lakonisch: "Ich habe meiner Tochter eine Bibel gegeben. Auf diese Weise macht man jemanden zum Atheisten."