Urmenschen Neandertaler neigten zum Kannibalismus

Spuren an Neandertaler-Knochen lassen vereinzelten Kannibalismus vermuten.

(Foto: dpa)

Neandertaler-Knochen aus einer belgischen Höhle verraten, dass die Frühmenschen sich wohl gegenseitig verspeisten. Was trieb sie zum Kannibalismus?

Von Hubert Filser

Neandertaler in Europa haben vor etwa 43 000 Jahren ihre Artgenossen vertilgt. Zahlreiche menschliche Knochen aus der Höhle von Goyet in Belgien weisen Schnittspuren und Kerben auf, die darauf schließen lassen, dass die Menschen gezielt zerlegt worden sind. Es sei "der erste eindeutige Nachweis von Kannibalismus unter Neandertalern im nördlichen Europa", schreiben Forscher um Johannes Krause und Hervé Bocherens von der Universität Tübingen in der Fachzeitschrift Scientific Reports.

Am stärksten seien die Oberschenkel- und Schienbeinknochen am Sehnen- und Muskelansatz bearbeitet. "Das sind klare Schlachtspuren", sagt Co-Autor Christoph Wißing. "Die Knochen wurden entfleischt." Jeder dritte der insgesamt 99 untersuchten Neandertaler-Knochen weist Schnittspuren auf.

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Ob die Neandertaler gezielt getötet wurden, um sie zu essen, oder ob Tote im Rahmen ritueller Handlungen symbolisch mit scharfen Werkzeugen bearbeitet wurden, lässt sich nicht eindeutig klären. Allerdings weisen Überreste von Pferden und Rentieren aus Goyet, die die Neandertaler aßen, genau die gleichen Bearbeitungsspuren auf. Das werten die Forscher als Indiz für Kannibalismus. Zudem nutzten die Menschen von Goyet die Knochen ihrer Artgenossen offenbar als Werkzeuge - etwa um die Kanten von Feuersteinklingen zu glätten. "Dass Neandertalerknochen für diesen Zweck verwendet wurden, ist nur von sehr wenigen Fundorten bekannt", sagt Bocherens.

Andernorts fand man Spuren für einen weihevolleren Umgang

Ob die Neandertaler Kannibalen waren oder nicht, ist seit Jahren wissenschaftlich umstritten. Europaweit gibt es nur drei weitere Hinweise darauf. In Nordspanien etwa wurden zersplitterte Knochen und Schädel gefunden; zudem gab es Schnittspuren am Ansatz der Zunge, die offenbar herausgetrennt wurde. Doch gibt es deutlich mehr Belege für Bestattungen bei Neandertalern, was für einen weihevollen Umgang mit den Toten spricht.

Die Funde von Goyet könnten auch Hinweise auf das Sozialverhalten der späten Neandertaler liefern. Die Untersuchung der DNA ergab, dass sich die Individuen aus der Goyet-Höhle genetisch nur wenig unterschieden, ein Hinweis auf eine enge Verwandtschaft. Neandertaler lebten im Vergleich zum Homo sapiens derselben Zeit in kleinen Verbänden. Etwa acht bis 15 Menschen gehörten einer Gruppe an, im Gegensatz zu 25 bis 30 beim modernen Menschen. Forscher halten Kleingruppen in Krisenzeiten für weniger stabil. Möglicherweise haben die Neandertaler von Goyet ihre Artgenossen in einer Notlage aufgegessen.

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