Urahn der blauen Augen Trendfarbe der Evolution

Vor einigen tausend Jahren erblickte der erste Mensch mit blauen Augen die Welt. Und alle, die heute diese Augenfarbe besitzen, stammen von ihm ab.

Von Christina Berndt

Blaue Augen hat die Natur offenbar nur ein einziges Mal erfunden. Irgendwann vor 6000 bis 10.000 Jahren hat plötzlich der erste Mensch wegen einer Genmutation blauäugig in die Welt geblickt.

Alle anderen Menschen mit blauen Augen stammen von diesem einen Urahn ab, berichten dänische Wissenschaftler um Hans Eiberg jetzt im Fachblatt Human Genetics (online). Jeder, der blaue Augen hat, scheint demnach mit Angelina Jolie und zugleich mit Brad Pitt verwandt zu sein.

"Ursprünglich hatten wir alle braune Augen"

"Ursprünglich hatten wir alle braune Augen", sagt Eiberg, der Professor an der Universität Kopenhagen ist. Dann ist offenbar bei einem Menschen spontan eine Mutation in einem Gen entstanden, sodass seine Augen blau wurden.

Von diesem Blaue-Augen-Adam muss sich die Mutation über die nördliche Hemisphäre verbreitet haben. Mittlerweile haben weltweit zehn Prozent aller Menschen blaue Augen. Die meisten von ihnen gibt es im Ostseeraum: Finnland ist der Hauptwohnsitz der Blauäugigen - sie stellen 90 Prozent der Bevölkerung.

Mutationen in einzelnen Genen treten immer wieder auf. Dass sich eine so weit verbreitet wie die Blaue-Augen-Mutation, sei nur möglich, wenn blaue Augen in der Evolution einen Vorteil haben, sagt Thomas Meitinger, Leiter der Humangenetik an der Technischen Universität München.

Welcher Vorteil das sein könnte, darüber lässt sich nur spekulieren. So gehen blaue Augen meist mit einer helleren Haut einher - "und die hat Vorteile bei der Produktion von Vitamin D, das wichtig für Zähne und Knochen ist", erläutert Meitinger. Zur Herstellung des lebenswichtigen Vitamins ist UV-Licht nötig, das gerade Nordeuropa schwächer erreicht.

Das könnte einen Selektionsdruck erzeugt haben, der Menschen mit blauen Augen bevorzugt hat. Womöglich waren die Menschen aber auch schon Tausende Jahre vor Siegfried dem Drachentöter von blauen Augen so fasziniert, dass deren Träger zu attraktiven Sexualpartnern wurden.

Bei aller Anziehungskraft: Nüchtern betrachtet sind blaue Augen die Folge eines Gendefekts. Die Iris erscheint nur in Blau, weil ihr der Farbstoff Melanin fehlt, der ihr üblicherweise braune Farbe verleiht und auch die Ursache sonnengebräunter Haut ist. Grau und Grün sind nichts anderes als Zwischentöne - solche Augen enthalten mehr Melanin als blaue, aber weniger als braune Augen.

Zu blauen Augen verdünnt

Die Gen-Mutation des ersten Menschen mit blauen Augen habe das Gen OCA2 verändert, das an der Produktion von Melanin beteiligt ist, erläutert Eiberg. In der Folge gelangte weniger Melanin in die Iris. "Braune Augen werden sozusagen zu blauen Augen verdünnt."

OCA2 ist für Genetiker ein alter Bekannter. Ist es ganz zerstört, entsteht eine Form von Albinismus. "Die Betroffenen können fast kein Melanin mehr produzieren", sagt Meitinger, der vor zwanzig Jahren über eben dieses Gen geforscht hat. "Damals hat man aber noch nicht gewusst, dass es auch etwas mit der ganz normalen Augenfarbe zu tun hat."

Ohnehin mühen sich Genetiker seit langem, die Vererbung der Augenfarbe endlich zu verstehen. "Die Mechanismen sind hochkomplex, viele Gene sind daran beteiligt", sagt Meitinger. "Deshalb lässt sich auch kaum vorhersagen, welche Augenfarbe ein Kind haben wird."

Erst Anfang 2007 hat eine Arbeitsgruppe um den Australier David Duffy von der University of Queensland Licht ins Dunkel der Iris-Genetik gebracht: Damals hat sich OCA2 als der Hauptakteur im Spiel der Gene um die Augenfarbe erwiesen.

Auch Hans Eiberg hatte OCA2 schon länger als wichtiges Augenfarben-Gen im Blick. Die besondere Veränderung im Erbgut der Blauäugigen hat er nun gefunden, indem er eine dänische Großfamilie untersuchte, in der seit drei Generationen ausschließlich blaue Augen vorkommen. Dabei fand er bei allen Familienmitgliedern und auch bei Hunderten anderer Dänen exakt dieselbe Mutation.

Doch damit nicht genug: Dieselbe Veränderungen tragen auch blauäugige Menschen aus der Türkei und Jordanien in ihren Genen. Offensichtlich haben sie diese Mutation alle von demselben Menschen geerbt. "Das ist keine Vermutung", sagt Eiberg. "Es muss so sein." Dem stimmt auch Thomas Meitinger zu: Am Blaue-Augen-Adam "lässt sich nichts rütteln."