Unterwasserhänge im Nordmeer Rutschender Schlick

Instabile Unterwasser-Abhänge vor Norwegen könnten Tsunamis auslösen. Auch die Nordsee wäre betroffen.

Von Axel Bojanowski

Mit einigem Unbehagen blicken Geologen zurzeit in die Tiefen des Nordmeeres. Dorthin, wo vor den Küsten Norwegens und Spitzbergens der Meeresboden 4000 Meter tief abfällt. Gewaltige Schlickmassen lagern auf dieser Schräge. Würden sie in die Tiefe rutschen, wäre es das Ende vieler Küstenorte: Riesige Wellen würden die unterseeischen Lawinen auslösen, die sich kreisförmig als Tsunamis ausbreiten - bis in die Nordsee.

Die Unterwasserhänge sind nicht für die Ewigkeit gemacht: Gashaltige Eisschichten, sogenannte Methanhydrate, halten das Sediment als schwacher Kitt zusammen. Ändern sich Wasserstand oder Temperatur, könnte sich der Kleber auflösen. Solch ein Szenario ist im Zuge des Klimawandels nicht unwahrscheinlich. Klimasimulationen zeigen, dass sich die Arktis derzeit stärker erwärmt als jeder andere Ort der Erde. Auch Erdbeben bedrohen die Architektur der Unterwasserlandschaft.

In den vergangenen Jahrtausenden kollabierten die Hänge bereits mehrmals. Am Meeresgrund finden sich Spuren mehrerer großer Lawinen. Vor 8150 Jahren beispielsweise stürzten vor der Küste Norwegens zwischen Bergen und Trondheim Erdmassen von der Größe Islands in die Tiefe. Die folgenden Tsunamis waren im fernen Schottland sechs Meter hoch. Geologen fanden dort ein verwüstetes Steinzeitlager. Von einem Forschungsschiff aus haben Wissenschaftler nun die Hänge vor Spitzbergen erkundet. Ihr Bericht am Dienstag auf der Jahrestagung der Deutschen Geophysikalischen Gesellschaft in Kiel löste Besorgnis aus.

Bereits erste Messungen mit einem herkömmlichen "Fisch-Finder" hatten die Forscher erstaunt. Das Gerät sendet Schallwellen ins Wasser - normalerweise um Fischschwärme aufzuspüren. In diesem Fall lieferte es jedoch ominöse Bilder aus dem Ozean: An Tausenden Stellen perlten Gasblasen aus dem Meeresgrund, berichtete der Geophysiker Christian Berndt vom Leibniz-Institut für Meereswissenschaften auf der Tagung in Kiel. Sie bildeten regelrechte Unterwasser-Springbrunnen mit jeweils Hunderten Meter Höhe.

Gas perlt aus dem Meeresboden

Löst sich dort bereits das Methanhydrat auf? Untersuchungen des Meeresbodens milderten zunächst die Sorge der Forscher. Mit Schallwellen konnten sie den Boden durchleuchten; dabei achteten die Wissenschaftler besonders auf Methanhydrat-Schichten, die in einer Meerestiefe lagen, die von der Erwärmung des Wassers gefährdet sein könnte.

Tatsächlich entdeckten sie einige Unterwasser-Springbrunnen an der unteren Stabilitätsgrenze der Methanhydrate, berichtete Christian Berndt. Der Großteil der Gas-Sprudel lag indes weit hangaufwärts über der oberen Stabilitätsgrenze. Die Ausgasung sei zu einem großen Teil nicht der Erwärmung anzulasten, folgerte Berndt. Wie stark sich das Gas bei einer weiteren Erwärmung des Wassers beschleunigen könnte, sei allerdings unklar. Eine Entwarnung klingt anders.

Die Spuren alter Lawinen am Meeresgrund zeigen das Rezept für die mögliche Katastrophe. Stets sei es die gleiche Sorte Sediment gewesen, die in die Tiefe gerauscht sei, haben die Forscher erkannt: Sand, den Gletscher und Schmelzwasserflüsse während der Eiszeit vor die Küste gespült hatten. Zwar sei dieses Geschiebe vielerorts bereits in die Tiefe gerutscht. Doch vor Spitzbergen und Norwegen ragten auf den Hängen vor der Küste teils noch große Massen empor, berichtete Geophysiker Berndt. "Ein durchaus Besorgnis erregender Anblick".

Berndt und auch eine Forschergruppe um Maarten Vanneste aus Norwegen haben das Extremszenario vorsichtshalber schon mal durchgerechnet. Bis zu 130 Meter hohe Wellen könnte demnach eine Unterwasser-Lawine auslösen. Die Wellen würden bis in die Nordsee rollen, ergänzt Berndt. An der niederländischen Küste wären die Tsunamis noch zehn Meter hoch. Die deutsche Bucht könnte mit einem schweren Hochwasser davonkommen.