Unterernährung Hungrig trotz Boom

Unterernährte Kinder hungern weiter, auch wenn es mit der Wirtschaft in ihrem Land bergauf geht.

(Foto: AFP)

Wirtschaftswachstum verhindert Unterernährung bei Kleinkindern nicht, berichten Forscher. Damit widersprechen sie der Idee, dass der Wohlstand Vermögender automatisch zu Geringverdienern "durchsickert".

Von Franziska von Malsen

Unterernährte Kinder hungern weiter, auch wenn es mit der Wirtschaft in ihrem Land bergauf geht. Darauf deutet die Studie eines Forscherteams um den Entwicklungsökonomen Sebastian Vollmer von der Universität Göttingen hin (The Lancet Global Health, Bd. 2, S. e225, 2014).

Die Wissenschaftler werteten Daten von 121 Gesundheitsumfragen aus, die über einen Zeitraum von 21 Jahren erhoben worden waren. Berücksichtigt wurden 36 Länder aus Afrika, Asien und Lateinamerika sowie dem Nahen Osten. So konnten die Forscher die Entwicklung von Körpergröße und Gewicht bei annähernd einer halben Million Kleinkindern analysieren.

Dabei berechneten sie, ob sich ein wachsendes Bruttoinlandsprodukt pro Kopf (BIP) signifikant auf den Ernährungszustand von Kindern unter drei Jahren auswirkte. Ihre Ergebnisse widersprechen der Idee vom sogenannten Trickle-Down-Effekt, wonach der Wohlstand Vermögender in einem Land automatisch zu Geringverdienern "durchsickert". Mehr als jedes fünfte Kleinkind ist in den untersuchten Ländern nach wie vor untergewichtig, in Indien trifft es sogar vier von zehn Kindern.

Drei mögliche Erklärungen

Selbst wenn das BIP um fünf Prozent anstieg, verringerte sich die Wahrscheinlichkeit, dass ein Kind körperlich unterentwickelt ist, nur um minimale 0,4 Prozent. Diese Verbesserung galt noch dazu nicht für die ärmsten Familien des Landes, deren Kinder besonders häufig hungrig bleiben.

Die Entwicklungsökonomen formulieren drei mögliche Erklärungen, warum der Ernährungszustand bei Kleinkindern eben nicht vom Wirtschaftswachstum abhängt: Haushalte geben zusätzliches Einkommen nicht für eine bessere Ernährung aus. Zudem sei das Wirtschaftswachstum innerhalb eines Landes ungleich verteilt und komme den armen Haushalten nicht zugute.

Außerdem könnte es sein, dass steigende Einkommen nicht automatisch zu notwendigen öffentlichen Investitionen führen, etwa in sanitäre Anlagen, Trinkwasseraufbereitung oder Impfungen.

Die Ergebnisse bedeuteten zwar nicht, "dass ökonomische Entwicklung nicht wichtig ist", sagt Vollmer. Aber sie seien eine Mahnung an politische Entscheidungsträger, gezielt in soziale Infrastruktur zu investieren statt sich nur auf die Heilkräfte des Wirtschaftswachstums zu verlassen.