Von Christoph Benn

In der Entwicklungshilfe spielt der Kampf gegen Krankheiten nur eine geringe Rolle - ein verhängnisvoller Fehler.

(SZ vom 20.08.2002) - Dürre, Hunger, Krankheit - es scheint so, als würde ein immerwährender Teufelskreis das Leben von Millionen von Menschen bedrohen, der nicht zu durchbrechen ist. Oder doch?

(© SZ-Grafik: Braun, Quellen: Weltbank, UN, WHO)

Anzeige

Die Sicherung der Lebensgrundlagen von Menschen in einer globalisierten Welt ist eine komplexe Herausforderung und erfordert vielfältige Schritte. Dazu gehört auch die Verbesserung der Gesundheitsversorgung gerade in den ärmsten Ländern.

In kaum einem anderen Bereich lassen sich die Ursachen von Armut und Unterentwicklung so wirksam bekämpfen wie im Gesundheitssektor. Und in kaum einem anderen Feld lassen sich die wirtschaftlichen und sozialen Vorteile so eindeutig und konkret berechnen.

Extreme Armut macht krank

Dass extreme Armut krank macht, ist allgemein anerkannt. Die Umkehrung, dass Krankheit Armut und wirtschaftliche Unterentwicklung bedingt und deshalb jede Verbesserung der Gesundheit auch zur Verminderung der Armut beiträgt, war bis vor kurzem ein Gedanke, der in der entwicklungspolitischen Debatte nur von wenigen akzeptiert wurde.

Das hat sich spätestens seit dem Bericht über Makroökonomik und Gesundheit der Weltgesundheitsorganisation (WHO) geändert, der im Dezember 2001 vorgestellt wurde. Die mit Wirtschaftswissenschaftlern und Gesundheitsexperten besetzte Kommission belegte nicht nur, dass niedrige Lebenserwartung und hohe Krankheitsbelastung viele Menschen in der Armutsfalle gefangen halten.

Sie zeigte auch Lösungswege auf und benannte die Vorteile, die sich für die Weltwirtschaft ergeben würden. So lässt eine um zehn Prozent höhere Lebenserwartung das Pro-Kopf-Einkommen etwa um 0,3 bis 0,4 Prozentpunkte pro Jahr wachsen.

Wirtschaftswachstum von Malaria behindert

In malariaverseuchten Ländern war in den vergangenen Jahrzehnten das jährliche Wirtschaftswachstum 1,3 Prozent niedriger als in Ländern, in denen die Malaria nicht verbreitet ist. Ohne die Krankheit wäre dort heute das Pro-Kopf-Einkommen doppelt so hoch.

Mit sehr einfachen Methoden, wie der Verteilung von imprägnierten Moskitonetzen, die für wenig Geld zu kaufen sind, ließe sich die Sterblichkeit von Kindern an Malaria halbieren. Aids hat inzwischen in Afrika mehr als 20 Millionen Menschenleben gefordert und 14 Millionen Kinder zu Waisen gemacht.

Aber auch in Osteuropa nimmt die Krankheit dramatisch zu und bedroht die wirtschaftliche Entwicklung. Das Moskauer Regionalbüro der Weltbank für die Russische Föderation legte im Mai 2002 eine Modellrechnung vor.

Demnach könnte sich die Zahl der HIV-Infizierten bis Ende 2010 in Russland auf 2,3 bis 2,5 Millionen erhöhen. Das hätte zur Folge, dass das Bruttoinlandsprodukt im Jahr 2010 um etwa vier Prozent niedriger ausfallen würde. Dies hätte auch auf die deutsche Wirtschaft als wichtigem Handelspartner negative Auswirkungen. Jetzt wäre die Zeit, die Entwicklung durch kostengünstige Prävention zu stoppen.

Je gesünder, desto höhere Arbeitsproduktivität

Das Argument ist einfach: Je gesünder die Menschen sind, desto höher ist ihre Arbeitsproduktivität. Die Aussicht auf ein langes Leben macht es notwendig zu sparen. Je höher die Sparquote, umso mehr Geld steht für Investitionen bereit. Kinder, die an Vitaminmangel, Würmern und Malaria leiden, lernen schlecht. Und Länder mit hohem Krankheitsrisiko sind wenig attraktiv für Investoren.

Die positive Nachricht ist, dass mit relativ geringen Mitteln eine wirksame Gesundheitsversorgung erreicht werden kann. Nach Berechnungen der WHO- Kommission reichen bereits 30 bis 40 Euro pro Person und Jahr, um in den am wenigsten entwickelten Ländern die so genannten Basisgesundheitsdienste zu verbessern.

Selbst diese, für unsere Verhältnisse sehr geringe Summe übersteigt jedoch bei weitem die wirtschaftliche Leistungsfähigkeit der am wenigsten entwickelten Länder.

Deshalb bedarf es dringend einer intensiven Unterstützung, wenn wir uns als eine globale Solidargemeinschaft verstehen wollen. Zurzeit liegen die direkten Aufwendungen der wohlhabenden Nationen für die Verbesserung der Gesundheit in Entwicklungsländern bei nur 0,011 Prozent des Bruttosozialprodukts der Geberländer. Nötig wäre eine Erhöhung auf 0,1 Prozent.

Die Wissenschaftler rechnen vor, dass sich Investitionen in die Gesundheit der Armen auch ökonomisch lohnen. Vorsichtig geschätzt, beläuft sich der Nutzen für die Weltwirtschaft wegen der erhöhten Produktivität der Menschen und durch ein höheres Wachstum auf mindestens 360 Milliarden US- Dollar pro Jahr. Das ist ein Vielfaches der nötigen Investitionen in die Gesundheitsversorgung.

Wo sich Krankheiten und Hunger ausbreiten, gibt es auch eine erhöhte Gefahr, dass Staaten zerfallen oder Bürgerkriege ausbrechen. Investitionen in die Gesundheit retten nicht nur Leben, sie tragen auch zur globalen Sicherheit bei.

Deutschland geizt

Zur Förderung von Gesundheitsprogrammen bieten sich zwei Mechanismen an: internationale Programme und bilaterale Entwicklungszusammenarbeit. In beiden Fällen gibt es erheblichen Nachholbedarf für die Bundesrepublik.

Der von UN-Generalsekretär Kofi Annan initiierte Globale Fonds zur Bekämpfung von Aids, Tuberkulose und Malaria ist ein effektives Instrument, um mit geringem bürokratischen Aufwand lebensnotwendige Schritte in den ärmsten Ländern zu unterstützen.

Allerdings fehlen derzeit drei Milliarden Dollar, um die Anträge aus betroffenen Ländern zu finanzieren. Und Deutschland zählt leider zu den kleineren Einzahlern.

Nicht viel besser sieht es mit der direkten Entwicklungshilfe aus. Die Förderung der Gesundheitsdienste ging nach Angaben des Ministeriums von 115 Millionen Euro 1999 auf 51 Millionen im Jahre 2000 zurück. Das war gerade noch ein Anteil von 1,6 Prozent am gesamten Entwicklungsbudget.

Es bedarf also nicht nur einer Erhöhung der staatlichen Beiträge zur Entwicklungszusammenarbeit insgesamt, sondern auch stärkerer Unterstützung der Gesundheitsdienste durch die deutsche Entwicklungshilfe.

Der politische Wille fehlt, was aber in Einklang steht mit einer großen Gleichgültigkeit in der Bevölkerung, wenn es um Krankheiten in Regionen geht, die außerhalb unseres Blickfeldes liegen.

Der Autor ist Tropenmediziner, stellvertretender Direktor des Deutschen Instituts für Ärztliche Mission in Tübingen und Vorstandsmitglied im Globalen Fonds zur Bekämpfung von Aids, Tuberkulose und Malaria.

Leser empfehlen