UN-Klimagipfel in Cancún Scheitern ist keine Lösung

Langfristig wird der Klimawandel die Industriestaaten teuer zu stehen kommen - sehr zum Nachteil der Wirtschaft. Deshalb muss auch die Industrie hoffen, dass der UN-Klimagipfel Erfolg hat.

Ein Kommentar von Michael Bauchmüller

Was den Klimaschutz angeht, ist die deutsche Industrie in einer wirklich bemerkenswerten Lage. Sie hat Interesse an einem globalen Durchbruch - und am Scheitern zugleich. Klingt paradox? Ist es aber nicht.

Dieses Verhalten sollen die Teilnehmer am UN-Klimagipfel bitte vermeiden, fordern Demonstranten am Strand des Veranstaltungsorts, dem mexikanischen Cancún.

(Foto: AFP)

Beides, Scheitern oder Durchbruch, hätte seine Vorteile. Was die Wirtschaft dagegen gar nicht brauchen kann, sind halbe Lösungen: Abkommen, an denen sich nicht einmal alle Industriestaaten beteiligen, geschweige denn aufstrebende Konkurrenten in Fernost oder Lateinamerika.

Diese Entweder-oder-Taktik spiegelt das wahre Wesen der Klimakonferenzen. Aus Sicht der Industrie dienen sie weniger den Lebensbedingungen auf diesem Planeten als der Herstellung vergleichbarer Wettbewerbsbedingungen. Müssen alle Konkurrenten ähnlich hohe Klimaauflagen erfüllen, kann sich keiner mehr auf Kosten der Umwelt Vorteile erschleichen. Im Gegenteil: Vorteile haben jene Firmen, die schon längst in den Umwelt- und Klimaschutz, in den effizienten Umgang mit Energie und Ressourcen investieren. So entstehen Vorsprünge.

Doch auch ein Scheitern würde viele Betriebe nicht weiter schmerzen, etwa Stromkonzerne oder energieintensive Unternehmen aus der Stahl-, Zement- oder Aluminiumindustrie. Auf kurz oder lang könnten sie sich womöglich aus dem System des europäischen Emissionshandels davonstehlen. Denn wenn der Rest der Welt nicht mitzieht im Klimaschutz, wird auch in der Europäischen Union der Klimaschutz in Rechtfertigungsdruck kommen: Was nützt schon ein Engagement, das nicht einmal ein Sechstel der globalen Treibhausgase betrifft?

Hatten viele Unternehmen noch die Klimakonferenz in Kopenhagen zur großen Klima-PR genutzt, ist es nun auffällig ruhig. Oberwasser haben derzeit - zunehmend unverhohlen - all jene Unternehmen, die Klimaschutz längst als kostspieliges, aber wenig nutzvolles Experiment betrachten. Die Klimakonferenz in Cancún, die an diesem Montag in die entscheidende zweite Woche geht, soll dafür den letzten Beweis erbringen. Scheitert auch sie, das ist klar, wird es der globale Klimaschutz schwer haben. Nur ist das alles andere als eine Chance.

Wachsende Risiken auch für die Industriestaaten

Die Klügeren unter den Wirtschaftslenkern haben das längst begriffen. Gehen die Umweltminister abermals ergebnislos auseinander, dann wird das auch jedes Tempo aus dem Umbau der Wirtschaft nehmen - jenem Umbau, der langfristig fossile Energieträger durch andere, erneuerbare ersetzen muss, will die Welt nicht sehenden Auges in die nächste Ölkrise schlittern.

Noch lässt sich diese Transformation steuern, etwa durch den Emissionshandel: Er verteuert den Einsatz fossiler Stoffe schrittweise. Bleibt der Preis allein der Verknappung überlassen, so wird er erst später steigen, dann aber umso stärker.

Ähnlich folgenreich könnte der Klimawandel selbst sein. Noch haben, zynisch genug, vor allem Entwicklungsländer für die Industrialisierung des Nordens zu büßen. Sie haben mit Wetterkapriolen und einem steigenden Meeresspiegel die größte Not. Doch die Risiken wachsen auch in Industriestaaten, sie finden sich nur in keiner Bilanz.

Auf lange Sicht wird der Klimawandel auch für die Industriestaaten teuer, sehr zum Nachteil der Wirtschaft. Milliarden für höhere Deiche lassen sich, einmal ganz plakativ, eben nicht mehr zur Senkung von Unternehmensteuern hernehmen.

Auf der anderen Seite stehen all jene Unternehmen, die jetzt schon auf den Export von Umweltgütern setzen. Der deutsche Anteil am Weltmarkt liegt bei 16 Prozent - es gibt nicht viele Bereiche, in denen die deutsche Wirtschaft so stark ist. Ein Klimaabkommen könnte diesen Markt erheblich vergrößern - scheitert es aber, wird das Geschäft schwieriger.

All das steht in Cancún auf dem Spiel. Letztlich geht es um längerfristigen Profit statt um kurzfristigen, um Umbau statt Erhalt von Strukturen, um eine andere, eine etwas gerechtere Verteilung auch von Vermögen zwischen Nord und Süd. Wenn das keine Chancen sind.