Umweltverschmutzung Plastikmüll belastet die arktische Tiefsee

Der Arktische Ozean galt lange Zeit als nahezu unberührte Region. Doch in den vergangenen zehn Jahren hat sich die Menge an Plastikmüll am Meereboden verdoppelt. Sie entspricht inzwischen der Verschmutzung in einem Meeresgraben unweit von Lissabon.

Von Thomas Wagner-Nagy

Seeanemonen besiedeln eine Plastiktüte auf dem Grund des Arktischen Ozeans.

(Foto: dpa)

Plastikmüll schwimmt nicht nur auf den Weltmeeren, die Überbleibsel der modernen Zivilisation sinken auch hinab auf den Grund der Ozeane. Untersuchungen des Alfred-Wegener-Instituts für Polar- und Meeresforschung AWI belegen nun, dass Kunststoff-Unrat bis in die entlegene arktische Tiefsee vordringt. Neue Funde deuten darauf hin, dass sich der Plastikmüll am Grund der Arktis seit zehn Jahren verdoppelt hat (Marine Pollution Bulletin, online).

Für ihre Studie wertete die Meeresbiologin Melanie Bergmann rund 2100 Fotoaufnahmen vom Meeresboden aus, die am Tiefsee-Observatorium "Hausgarten" des AWI entstanden sind. Die Station befindet sich in der östlichen Framstraße, dem Seeweg zwischen Grönland und Spitzbergen. Dort schwebt ein ferngesteuertes Kamerasystem in einer Tiefe von 2500 Metern etwa 1,5 Meter über dem Meeresgrund und macht alle 30 Sekunden eine Aufnahme vom Boden.

Hier in der Framstraße, dem Seeweg zwischen Grönland und der norwegischen Insel Spitzbergen, ist das AWI-Tiefsee-Observatorium "Hausgarten" unterwegs.

(Foto: Alfred-Wegener-Institut)

Eigentlich wollen Tiefseeforscher auf diese Weise Veränderungen der Artenvielfalt erfassen. Bergmann fiel bei der Durchsicht der Bilder jedoch auf, dass auf den Aufnahmen aus dem Jahr 2011 mehr Müllreste zu sehen waren als auf Bildern vorangegangener Expeditionen. "Auf rund einem Prozent der Bilder von 2002 finden sich Müllreste, hauptsächlich Plastik", berichtet sie. Bei den Aufnahmen aus dem Jahr 2011 hingegen zeigen zwei Prozent der Bilder Abfälle. "Die Müllmenge am Meeresgrund hat sich also verdoppelt", folgert Bergmann.

Die hohe Müllbelastung überraschte die Forscher, da der Arktische Ozean lange Zeit als nahezu unberührte Region der Erde galt. Die nun in der Arktis ermittelte Menge entspricht der Verschmutzung in einem Meeresgraben unweit von Lissabon, schreiben die Forscher.

Woher genau der Abfall in der Arktis stammt, können die Bilder nicht zeigen. Bergmann vermutet, dass der Anstieg mit dem Rückgang des Meereises und der daraus resultierenden Zunahme des Schiffsverkehrs zusammenhängt. Müllzählungen an Stränden Spitzbergens hätten zudem ergeben, dass dort angespülte Abfälle hauptsächlich von Hochseefischern stammen.

Eine grafische Darstellung des fermgesteuerten "Ocean Floor Observation System" (Ofos) der Wissenschaftler vom AWI.

(Foto: Normen Lochthofen/Alfred-Wegener-Institut)

Der abgesunkene Plastikmüll verfängt sich häufig an Tiefseebewohnern wie Schwämmen oder wird von diesen besiedelt. Da Plastiktüten Gasaustauschprozesse verändern können, hält es Bergmann für möglich, dass der Müll langfristig die Artenzusammensetzung in der Tiefsee verändern könnte.