Umweltschutz Forscher warnen vor Ozean-Filtern

Mit riesigen Filtern will der Holländer Boyan Slat die Ozeane reinigen - doch Fachleute sind skeptisch

(Foto: The Ocean Cleanup)

Mit einer gewaltigen Anlage wollen Umweltschützer Plastikmüll aus dem Meer fischen. Ein 20-jähriger Holländer steckt hinter "The Ocean Cleanup". Doch Experten halten den Plan für naiv - und möglicherweise schädlich.

Von Sarah Zierul

Die Idee klingt so simpel wie verlockend: Warum fischt man den Plastikmüll, der im Meer treibt und Fischen, Delfinen und Seevögeln die Mägen verstopft, nicht einfach heraus? Schließlich sammelt er sich in riesigen Strudeln im offenen Ozean. Würde man in einen dieser Meeresstrudel eine Barriere setzen, käme der Müll mit der Strömung automatisch darauf zu geschwommen. Man müsste ihn nur noch herausholen.

Genau das ist der Plan eines 20-jährigen Niederländers. Mit seinem Vorhaben "The Ocean Cleanup" ist Boyan Slat in Internetforen und sozialen Netzwerken eine Art Held geworden. Er hatte seine Idee 2012 bei einem TEDxDelft-Talk vorgestellt, dem niederländischen Ableger der renommierten TED-Vortragsreihe. Nun sammelt er per Crowdfunding zwei Millionen Dollar für weitere Studien und den Bau eines Prototyps. Etwa drei Viertel der Summe hat er bereits beisammen, die Kampagne läuft noch bis Mitte September. Eine online veröffentlichte, 528 Seiten lange Machbarkeitsstudie soll zeigen, dass es realistisch sei, innerhalb von zehn Jahren die Hälfte des Mülls aus dem Nordpazifischen Meeresstrudel zu fischen. Slat hat sie mit rund 100 meist freiwilligen Helfern erstellt.

"So wie die Anlage derzeit geplant ist, ist sie zum Scheitern verurteilt", erklären dagegen Miriam Goldstein und Kim Martini, Meeresforscherinnen aus den USA, die den Plastikmüll im Ozean seit Jahren untersuchen. Sie haben die Machbarkeitsstudie auf technische, biologische und legale Fragen untersucht. Viele Aspekte seien ungelöst, so der Tenor. Vor allem aber warnen sie vor der Illusion, ein derart komplexes Problem habe eine einfache Lösung.

"Es ist toll, dass jemand so viel Aufmerksamkeit auf das Thema Plastikmüll im Ozean lenkt," sagt auch Mark Lenz, Meeresbiologe am Geomar Helmholtz-Zentrum für Ozeanforschung Kiel und Leiter eines internationalen Forschungsprojekts zum Thema Mikroplastik. Er fürchtet aber, dass "The Ocean Cleanup" mehr Schaden als Nutzen anrichten könnte. Dieser Einschätzung haben sich bei einer Online-Diskussion der Umweltplattform marinedebris.info zahlreiche Ozeanwissenschaftler aus aller Welt angeschlossen.

Ein Mann, ein Ziel: Boyan Slat, 19, will den Plastikmüll, der im Meer treibt und Fischen, Delfinen und Seevögeln die Mägen verstopft, herausfischen.

(Foto: The Ocean Cleanup/AFP)

Die Pilotanlage fischte ganze vier Plastikteile aus dem Meer

Keiner der Kritiker bestreitet Boyan Slats ehrenwerte Motive. Als begeisterter Taucher sei er entsetzt gewesen, erzählt der Niederländer, als er im Mittelmeer mehr Plastik als Fische sah. Darum plant er im Pazifik eine hundert Kilometer lange Anlage aus schwimmenden Barrieren. Es wäre das größte Bauwerk, das je im offenen Ozean installiert wurde: zwei je fünfzig Kilometer lange Arme, an denen eine drei Meter tiefe Kunststoffbarriere hängt, verankert am bis zu vier Kilometer tiefer liegenden Meeresgrund. Die Strömung soll Plastikmüll vor die trichterförmig im 120-Grad-Winkel angebrachten Arme und weiter zum Zentrum der Anlage treiben, wo er in einer großen Plattform gesammelt, komprimiert und achtmal im Jahr von einem Schiff abgeholt würde. Das Plastik könne man an Land recyceln und darüber einen Teil der Kosten in Höhe von geschätzten 317 Millionen Dollar decken, heißt es in der Machbarkeitsstudie.

Eine kleine Versuchsanlage hat Slat bereits vor den Azoren getestet. Die Meeresforscherinnen Martini und Goldstein bemängeln jedoch, dass dabei weder die Strömungsverhältnisse realistisch waren noch der Beifang an Tieren und Pflanzen überprüft wurde - und Slat ganze vier Plastikteile einfangen konnte, die er vorher selbst ins Meer geworfen hatte.

Kritiker bemängeln praktisch jedes Detail von Slats Konzept. Stiv Wilson von der Organisation 5gyres, die sich ebenfalls der Bekämpfung des Plastikmülls in den Meeresstrudeln widmet, bezweifelt die Stabilität der geplanten Anlage. Sie könne sich leicht aus der Verankerung reißen - die weltweit tiefsten Ankerkonstruktionen reichen derzeit 2500 Meter hinab. "The Ocean Cleanup" unterschätze Seegang, Stürme und Meeresströmungen. Als weiteres Problem sehen die Forscher die Verkrustung durch Meeresorganismen. Dies könnte die Barrieren beschädigen und unbrauchbar machen. In Slats Studie werden diese Schwierigkeiten benannt, aber als weniger gravierend erachtet.

Martin Thiel von der Universidad Católica del Norte in Chile fürchtet zudem, dass mit dem Plastik unverantwortlich viele Meerestiere eingefangen und getötet würden. Laut Slats Organisation würde praktisch nur das Plastik aufgrund seines Auftriebs gefangen. Forscher weisen jedoch darauf hin, dass sich zahllose Tierarten auf das Leben an der Oberfläche spezialisiert haben und treibendes Material besiedeln.