Umweltschutz Mit weißer Farbe gegen die Hitze der Stadt

Bauarbeiter bringen reflektierenden Straßenbelag in Los Angeles auf.

(Foto: City of Los Angeles/Bureau of Street Services)
  • Das Pilotprojekt ist Teil eines Aktionsplans, mit dem der Bürgermeister Eric Garcetti die Durchschnittstemperatur in Los Angeles bis 2030 um 1,7 Grad senken will.
  • Die amerikanische Umweltbehörde EPA kommt zu dem Schluss, dass die Temperatur in einer Stadt um bis zu 0,6 Grad abkühlen könnte, wenn 35 Prozent aller Straßen mit einem reflektierenden Belag überzogen würden.
  • Die bisherige Bilanz? "Sehr erfolgversprechend", sagt Paul Gomez, Sprecher der Stadtverwaltung von Los Angeles.
Von Steve Przybilla

In der Reliance Street in Los Angeles deutet alles auf ein angenehmes Leben hin. Der Rasen vor den Einfamilienhäusern ist gestutzt, vor den Garagen stehen Fahrräder, Palmen und Recycling-Mülltonnen. Im Sommer aber kann es hier unangenehm werden. Das San-Fernando-Tal, in dem das Wohngebiet liegt, gehört zu den heißesten Flecken in der Millionenstadt. Hier kratzen die Temperaturen an der 40-Grad-Marke, ein städtischer Hochofen, in dem Anwohner nur dann vor die Tür gehen, wenn sie unbedingt müssen.

Um für Linderung zu sorgen, greift die Stadtverwaltung zu einem ungewöhnlichen Mittel: Ein besonderer Straßenbelag, der die Sonne reflektiert, soll für Abkühlung sorgen. Das Pilotprojekt ist Teil eines Aktionsplans, mit dem der demokratische Bürgermeister Eric Garcetti die Durchschnittstemperatur in Los Angeles bis 2030 um 1,7 Grad senken will. Um das zu erreichen, pflanzt die Stadt neue Bäume, bezuschusst weiße Dachziegel und widmet sich seit Neuestem auch den schwarz asphaltierten Straßen, die bei Hitzewellen wie eine zusätzliche Heizung wirken. Immerhin hat Los Angeles eines der größten Straßennetze der USA.

Die Testgebiete kühlten sich um 5,5 Grad ab. Der Hersteller hatte mehr versprochen

Die naheliegende Lösung: hellere Straßen. Die amerikanische Umweltbehörde EPA kommt in einem Bericht zu dem Schluss, dass die Temperatur in einer Stadt um bis zu 0,6 Grad abkühlen könnte, wenn 35 Prozent aller Straßen mit einem reflektierenden Belag überzogen würden. Das klingt nicht viel, könnte aber sowohl die Ozonwerte als auch den Energieverbrauch senken, wenn Klimaanlagen seltener oder auf einer geringeren Stufe in Betrieb sind.

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Seit Mai 2017 läuft in Los Angeles die Testphase. 150 000 Dollar hat der Stadtrat genehmigt, um 15 Straßenzüge im San-Fernando-Tal mit der neuen, hellen Oberfläche auszustatten, die auf den bestehenden Asphalt aufgetragen wird. Die bisherige Bilanz? "Sehr erfolgversprechend", sagt Paul Gomez, Sprecher der Stadtverwaltung von Los Angeles. "Manche Leute führen endlich wieder ihren Hund aus, ohne ihm spezielle Schutzsocken anzuziehen." Trotzdem wolle man zunächst die Langzeitwirkung testen - und die Haltbarkeit des Materials im Winter.

Hergestellt wird der reflektierende Überzug vom Straßenbau-Unternehmen "GuardTop" in Kalifornien. Die Firma hat die Ausschreibung gewonnen, mit der Los Angeles gezielt nach einem passenden Material gesucht hatte: Langlebig sollte es sein, nicht zu teuer und obendrein gut für die Umgebungstemperatur. "Normaler Asphalt ist schwarz und bietet keinerlei reflektierende Eigenschaften", sagt Jeff Luzar, Vizepräsident bei "GuardTop". Das eigene Produkt könne die Oberflächen-Temperatur der Straße hingegen um bis zu 14 Grad Celsius abkühlen.

Die ersten Versuche in Los Angeles zeigen jedoch, dass diese Versprechungen bisher nicht eingehalten wurden. Zwar kühlten sich die Straßen in den Testgebieten tatsächlich ab - laut Stadtverwaltung aber nur um etwa 5,5 Grad. "Wir sind nach wie vor in der Testphase", entschuldigt sich Jeff Luzar. Man werde den Fortgang des Projekts weiter genau beobachten.

Doch die geringe Wirkung ist nicht das einzige Problem, mit dem der reflektierende Straßenbelag zu kämpfen hat. So ist er nach Angaben des Herstellers nur für Gebiete geeignet, in denen Fahrzeuge mit maximal 30 Meilen (48 Kilometer pro Stunde) unterwegs sind. Schnellstraßen, aber auch viele innerstädtische Verbindungen fallen somit von Anfang an weg. Übrig bleiben Radwege, Parkplätze, Schulhöfe und Gebiete mit Tempolimit - und auch nur dann, wenn der bestehende Straßenbelag dort in einem guten Zustand ist. Auf rissige Schlaglochpisten lässt sich die neue Schicht nämlich nicht auftragen. Zudem sind die Kosten um das Dreifache höher als bei konventioneller Bauweise, wie das Unternehmen auf Nachfrage mitteilt.

Schon bald will der Stadtrat entscheiden, ob noch mehr Straßen weiß gestrichen werden

Ein weiteres Argument, das gegen das vermeintliche Wundermittel spricht, liefern Wissenschaftler des Lawrence Berkeley National Laboratory in Kalifornien. Sie verglichen den reflektierenden Straßenbelag mit normalem Asphalt in Bezug auf die Ökobilanz. Das überraschende Ergebnis: Über einen Lebenszyklus von 50 Jahren schneidet die kühlende Straße deutlich schlechter ab, da für ihren Unterhalt etwa sechsmal so viel Energie benötigt werde. Auch die Herstellung verschlinge deutlich mehr Strom.

In einer Pressemitteilung betonen die Wissenschaftler, dass sie sich nicht generell gegen reflektierende Straßen aussprechen. Diese könnten sehr wohl zur Abkühlung des Planeten beitragen, da sie Sonnenstrahlen zurück in die Atmosphäre lenkten. Aber: Die Energie, die für die Herstellung des Materials benötigt werde, dürfe die Einspareffekte eben nicht auffressen. Oder anders ausgedrückt: Bei kühlenden Straßen ist noch Luft nach oben.

Doch es gibt auch Wissenschaftler, die die Sache deutlich optimistischer sehen. So etwa Alan Barreca, der sich an der University of California mit Umwelt- und Nachhaltigkeitsthemen befasst. "Mit Klimaanlagen können wir uns gut gegen Hitzewellen schützen", sagt Barreca. "Aber sie verbrauchen viel Energie und sorgen damit für einen Anstieg von Treibausgasen." Auch hätten Familien mit geringem Einkommen und Personen, die draußen arbeiteten, keinen Zugang zu dieser Technologie. "Das ist die moralische Ebene, die mich besonders stört", sagt der Wissenschaftler.

Für genau diese Probleme sei der reflektierende Straßenbelag eine gute Lösung, besonders in Gegenden mit hoher Bevölkerungsdichte. Auch in Bezug auf die Kosten vertritt Barreca eine klare Position: "Bei heißem Wetter steigt die Zahl der Todesfälle. Wenn hundert Meilen Straße dazu beitragen können, auch nur ein Leben zu retten, dann hat sich das Ganze schon gelohnt." Ob die Verantwortlichen in Los Angeles diese Meinung teilen, wird sich in den kommenden Monaten zeigen. Dann will der Stadtrat darüber debattieren, ob das Pilotprojekt ausgeweitet wird - und noch mehr Wohngebiete in den Genuss der Hightech-Straße kommen.

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