Umweltschutz Chinas grüne Zukunft

Projekt "Bubbles" - ein künstliches Zelt für Peking

(Foto: Orproject)

China treibt seine eigene Energiewende voran. Erneuerbare Energien werden rasant ausgebaut, Whistleblower besser geschützt. In manchen Bereichen ist das Land dem Westen schon voraus.

Von Christoph Behrens

Normalerweise verlässt man einen Raum, um frische Luft zu atmen. In Peking träumt man vom Gegenteil: Eine internationale Architekturfirma schlägt gerade vor, über einem Park in Peking ein künstliches Zelt aufzuspannen. Darin ein für dortige Verhältnisse seltener Inhalt: Frischluft. Von Smog befreit, könnten Menschen darin flanieren und durchatmen, schwärmen die Planer. Auch angrenzende Einkaufszentren und Bürogebäude könne man an das Habitat anschließen - gegen Aufpreis natürlich.

So groß ist die Sehnsucht der urbanen Chinesen nach sauberer Luft mittlerweile, dass Geschäftsideen wie diese blühen. Ein chinesischer Künstler verkaufte schon Frischluft aus Frankreich in Marmeladengläsern; ein Reisebüro karrte Sauerstoff aus den Bergen in blauen Ballons verpackt in die Millionenmetropole Zhengzhou. Die Bewohner standen Schlange. "Ich konnte mein Baby in meinem Bauch spüren", berichtete eine junge Frau freudig. Das Kind habe sich geregt, als sie die Bergluft atmete.

Wang Canfa kennt diese Sorgen der Chinesen sehr gut. Der Pekinger spaziert durch Freiburg im Breisgau, eine Sonnenbrille auf der Stirn, und schwärmt von den Blumen, dem blauen Himmel, der friedlichen Atmosphäre, dem deutschen Essen. Man könnte den 55-Jährigen mit seinem roten Rucksack und seiner beigen Jacke leicht mit einem Touristen verwechseln - doch Wang ist einer der einflussreichsten Umweltanwälte Chinas. Seit über fünfzehn Jahren zieht er für Opfer von Verschmutzung vor Gericht. Gegen Fabriken, die verschmutztes Abwasser ins Grundwasser pumpen; gegen Geschäftemacher, die Industriechemikalien in Hinterhöfen abladen; selbst gegen den chinesischen Staat hat Wang schon vor Gericht gewonnen. Das Time Magazine würdigte ihn für sein Werk als "Hero of the Environment".

Der Smog in Peking ist so dicht, dass die Photosynthese nicht mehr richtig funktioniert

Der Professor für Umweltrecht der Universität Peking ist nicht nur entspannt, weil er auf Reisen in Europa ist - die European Environment Foundation ehrt ihn in Freiburg für seine Arbeit. Sondern weil er glaubt, dass sich gerade einiges in seinem Heimatland ändert. "Im letzten Jahr sind so viele Angeklagte wegen Umweltvergehen verurteilt worden wie in den letzten zehn Jahren zusammen", sagt Wang. Das ist zum Teil auch sein Verdienst: Mehr als 200 Anfragen erhält das von ihm gegründete "Zentrum für rechtliche Unterstützung von Verschmutzungsopfern" pro Monat. Seine Mitarbeiter besorgen den Hilfesuchenden Anwälte, legen sich mit lokalen Parteikadern und Fabrikbesitzern an. Die Anwälte haben so etwa ein Tierversuchslabor in Peking gestoppt, eine Fabrik zum Wegzug aus einem Siedlungsgebiet gezwungen, von einer Papiermühle umgerechnet 500 000 Euro Schadenersatz erstritten. Für schwierige Fälle müssen die Juristen bis zu sieben Jahre lang kämpfen, um ein Urteil zu erreichen, sagt Wang.

Über Peking sagte ein Landwirtschaftsprofessor kürzlich, der Smog sei so dicht, dass die Photosynthese nicht mehr richtig funktioniere. Tomaten am Boden bräuchten zwei Monate statt zwanzig Tage, um zu reifen. Wangs Prozesse sind ein wenig wie diese Tomaten. Sie sind ständig bedroht vom Smog der Bürokratie und der Vetternwirtschaft, Parteifunktionäre beeinflussen Urteile häufig in ihrem Sinn. "Aber wir sensibilisieren die Menschen für den Weg der Gesetze", sagt Wang. Die Fälle werden auf der Webseite oder in sozialen Netzwerken veröffentlicht.

Und seine Arbeit findet zunehmend Protektion von ganz oben. "Die rechtliche Situation von Opfern von Umweltverschmutzung hat sich verbessert", sagt Wang optimistisch. Vor zehn Jahren sprach kaum jemand über Umweltsünden. Heute sei jeder durch das Internet über die aktuellen Feinstaubwerte informiert. Umweltbildung soll künftig per Gesetz in den nationalen Lehrplänen verankert werden. Im April beschloss der Volkskongress eine Reform des Umweltschutzgesetzes, zum ersten Mal seit 1989. Die Strafen für Umweltvergehen werden verschärft, auch Beamte können nun wegen Untätigkeit belangt werden. Whistleblower, die Vergehen öffentlich machen, sollen besser geschützt werden.