Umweltkatastrophe im Golf von Mexiko Nach uns die Ölpest

Der Untergang der Deepwater Horizon hat gezeigt: Die fossil befeuerte Ökonomie arbeitet auf ihren eigenen Untergang hin, als gäbe es keine Alternative. Das ist eine Verspottung menschlicher Intelligenz.

Ein Kommentar von Michael Bauchmüller

Wenn es dem Körper zu bunt wird, dann wehrt er sich. Dann wird der Mensch krank. Überlebt er die Krankheit, bleibt ihm eine ungute Gewissheit: Wie bisher sollte er nicht weiterleben, es ist auf Dauer zu riskant. Der Volksmund nennt das einen "Warnschuss".

So ähnlich verhält es sich mit Deepwater Horizon, dieser gekenterten Bohrplattform und der wohl größten menschengemachten Umweltkatastrophe der Geschichte. Ingenieure sind immer mutiger geworden auf der Suche nach Erdöl, sie haben tief gebohrt und sind maximale Risiken eingegangen. Jetzt präsentiert die Natur die Rechnung, Medien transportieren sie in die Welt: Es sind Bilder verendeter Tiere ebenso wie jene verzweifelter Experten. Es sind Ölwolken aus 1500 Metern Tiefe, die alles Leben ersticken. Dieser Warnschuss richtet sich nicht allein an die waghalsigen Ingenieure des big oil oder die Verantwortlichen bei dem Konzern BP. Er geht die gesamte industrialisierte Welt etwas an.

Es soll bloß keiner sagen, er hätte es nicht geahnt. Die Ausbeutung fossiler Ressourcen ist Grundlage eines ganzen Wachstumsmodells. Seit 200 Jahren betreiben Feuer und Dampf Maschinen und Motoren. Sie sind Ausgangspunkt des materiellen Wohlstands und seine Basis bis heute. Und gleichzeitig sind sie seine Beschränkung. Strebt eine wachsende Weltbevölkerung nach diesem Wohlstand, gerät sie zwangsläufig an Grenzen. In den Jahren vor der Finanzkrise spiegelte sich die Erwartung dieser Grenzen in steigenden Ölpreisen - allerdings mit einer bizarren Konsequenz: Der hohe Ölpreis förderte weniger ein fundamentales Umdenken als den technischen Fortschritt. Plötzlich rechnete sich selbst die Förderung unter schwierigsten Bedingungen, und sei es 1500 Meter unter dem Meeresspiegel. Mit Bohrleitungen, die in der Tiefe abknicken und noch entlegenste Lagerstätten ausschlürfen. Die Welt brauchte Energie, koste es, was es wolle. Und sei es die Zukunft.

Jetzt nur auf den Mineralölkonzern BP einzuprügeln, ist billig. Deepwater Horizon ist das Ergebnis unser aller Gier, und die versunkene Bohrinsel ist ein Symbol - für zukunftsvergessenes Wirtschaften. Nicht anders verfahren Energiekonzerne im Rheinland oder in der Lausitz, die ganze Landstriche umgraben, damit die Braunkohle Kraftwerke befeuert, und dies noch dazu mit bescheidener Effizienz. Weil sie damit seit Jahrmillionen gebundene Kohlenstoffe freisetzen, lassen sie die unterirdische Speicherung von Kohlendioxid erforschen. Industrie soll gutmachen, was Industrie verbrochen hat, nur so kann alles weitergehen wie gewohnt. Nicht anders läuft es in Atomkraftwerken überall auf der Welt. Jahr für Jahr türmen sie an die 10000 Tonnen hochradioaktiven Müll auf. Nur gibt es weltweit noch kein einziges Endlager dafür, geschweige denn irgendwelche Erfahrungen, wie sich dieser Müll über Jahrtausende hinweg sicher von der Außenwelt abschirmen lässt. Die Lichter brennen, die Autos rollen, alles andere wird sich später schon klären: nach uns die Ölpest.

Mit Leidenschaft in die Krise

So gesehen bekräftigen die Bilder aus Louisiana nur eine Gewissheit, der Ökonomie und Politik bisher wenig bis nichts entgegenzusetzen haben: Es geht weiter, was eigentlich nicht weitergehen darf. Die Ökonomie versagt, weil sich eine einmal etablierte Struktur desto einfacher behaupten kann, je kapitalintensiver sie ist. Wer mag schon einen ganzen Kraftwerkspark austauschen? Oder ein Tankstellennetz? Deshalb fallen Investitionen in die bestehende Infrastruktur den Unternehmen meist leichter als solche in neue, fremde Technologien. Auch Banken lieben das Bewährte.

"Wir werden jeden Tropfen Öl beseitigen"

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