Umweltgeschichte Dreck der Ahnen

Ist Umweltverschmutzung eine moderne Entwicklung? Keineswegs. Seit Menschen leben, zerstören sie ihre Umwelt. Luftverschmutzung war schon in der Antike ein Problem.

Von Sebastian Herrmann

Nicht weit entfernt vom Titicaca-See liegt ein schmutziges Geheimnis verborgen. Auf mehr als 5000 Metern Seehöhe finden sich hier im Quelccaya-Eisfeld Zeugnisse alter Sünden. Der Gletscher im Hochland von Peru lässt sich lesen wie ein Archiv. Es enthält Emissionsdaten, die eine frühe Luftverschmutzung dokumentieren. In Bohrkernen lässt sich nachvollziehen, wann die spanischen Kolonialherren im 16. Jahrhundert den Silberbergbau in Potosí, Bolivien, intensiviert haben. Obwohl sich die Bergwerke am Cerro Rico in mehr als 800 Kilometern Entfernung befanden, lagerten sich im Quelccaya-Gletscher große Mengen Schwermetalle ab. In den Jahren nach 1572 entließen die Spanier erstmals in der Geschichte der Menschheit nennenswerte Mengen Blei in den Himmel über den Anden.

Das Ausmaß der Belastung war für die damalige Epoche wohl einzigartig. Der Cerro Rico barg einst das größte Silbervorkommen der Welt, und durch den Bergbau war Potosí im frühen 17. Jahrhundert zu einer der größten Städte der Welt herangewachsen. Als die Spanier begannen, das Erz unter der Zugabe von Quecksilber in Blei und Silber zu trennen, verwandelte sich Potosí auch zu einer der giftigsten Städte der Erde. Die Daten legen nahe, dass die Atmosphäre massiv mit Schwermetallen verschmutzt war, berichten die Forscher um Paolo Gabrielli von der Ohio State University, die den Eisbohrkern aus dem Quelccaya-Gletscher analysiert haben (PNAS, online).

Erfindung der Moderne

Die Vorstellung irritiert, dass schon vor Jahrhunderten toxische Dämpfe über die Bergrücken der Anden zogen. Ist so etwas nicht ein trauriges Phänomen der Moderne? Doch handelt sich um einen verbreiteten Irrtum, dass erst die Industrialisierung zur Umweltzerstörung geführt habe. Die zweibeinige Spezies hat seit jeher Raubbau an der Natur betrieben. Erst die rauchenden Fabrikschlote der Industrialisierung, wuchernde Städte und die Technisierung des Alltags provozierten unter Europas Intellektuellen die Vorstellung, dass es so etwas wie eine reine Epoche gegeben haben müsse, in der die Menschen die Natur pflegten statt pflügten. Zu den Hauptdarstellern dieser grünen Vergangenheit wurden die Ureinwohner der von den Europäern kolonisierten Kontinente ernannt. Diese Legende vom edlen Öko-Wilden, der in Harmonie und spiritueller Verbundenheit mit seiner Umwelt lebt, findet noch heute viele Anhänger.

Bereits vor den Spaniern beuteten die Inka die Erzvorkommen am Cerro Rico aus. Und vor ihnen verschmutzten Angehörige anderer Völker die Gegend um das heutige Potosí - die ersten Bergarbeiter schürften um 1800 vor Christus in den Anden nach Metallen und hantierten dabei mit toxischen Stoffen. Solche Beispiele lassen sich in großer Zahl sammeln: Nachdem die Maori einst Neuseeland erreicht hatten, ließen die von ihnen entfachten Brände die Wälder schrumpfen. Auf Tasmanien verwandelten die Ureinwohner, so schreibt Christopher Doughty von der Universität Oxford in einer Übersichtsarbeit, Regenwälder durch Raubbau in Moor- und Sumpfgebiete.

Bergbau war stets eine giftige Angelegenheit. Das schilderte auch Georgius Acricola in seinem Werk "De Re Metallica", aus dem der Schnitt stammt.

(Foto: oh)

Die Menschen richteten schon immer Umweltschäden an, nur das Ausmaß unterscheidet sich: Die Spuren des Bergbaus der Inka und ihrer Vorfahren lassen sich heute nur lokal und begrenzt nachweisen, etwa in Sedimenten von Seen in der Nähe der einstigen Minen. Im Umweltarchiv des Quelccaya-Eisfelds sind sie hingegen nicht verzeichnet, die Bergbauaktivitäten waren zu gering. Was dann die Spanier vor Jahrhunderten in den Himmel über dem Cerro Rico bliesen, wird wiederum von den Folgen der Industrialisierung um viele Größenordnungen übertroffen.

"Umweltprobleme waren in vorindustrieller Zeit meist lokal begrenzt", sagt der Umwelthistoriker Frank Uekötter von der Universität Birmingham. "Doch mit dem Wachstum von Städten und dem Erfolg von Gesellschaften stieg das Ausmaß der Schäden an." So weiteten die antiken Zivilisationen des Mittelmeerraums erstmals ihren ökologischen Sandalenabdruck signifikant aus: Die von Phöniziern, Karthagern, Griechen und Römern in die Atmosphäre entlassenen Giftstoffe reisten bereits um die ganze Erde. Im Eispanzer Grönlands fanden Forscher Rückstände der Montanfertigung antiker Hochkulturen - giftige Bleirückstände aus der Metallverhüttung.

Am Rio Tinto, im Westen Andalusiens, wühlten sich Bergarbeiter durch die Erde, um Silber, Blei und andere Erze zu gewinnen. Die antiken Zerstörungen der Römer zerpflügten ganze Landstriche und hinterließen allein am Rio Tinto 6,6 Millionen Tonnen Schlacke. Auch die Fördermengen beeindrucken: Die Griechen gewannen allein im fünften Jahrhundert vor Christus laut Schätzungen etwa 450 000 Tonnen giftiges Blei und etwa 1400 Tonnen Silber aus den Minen von Laurion in Attika. Und dabei produzierten sie eine gigantische Menge toxischen Dreck.