Übertriebene Angst vor Allergien Lass es dir schmecken, Baby!

Selbst Kuhmilch gehört nach sechs Monaten auf Babys Speiseplan, allerdings nur einmal am Tag und nicht pur. Und mit einem Jahr dürfen Kinder alles mit den Eltern zusammen essen, wenn auch weniger gesalzen und gewürzt. "Man tut gar nicht gut daran, den Kindern Lebensmittel allzu lang vorzuenthalten", sagt Kersting. "Dann haben sie keine Chance, sich an die Allergene zu gewöhnen."

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Zu diesem Schluss kommt auch die Europäische Pädiatrische Ernährungskommission in ihrer jüngsten Stellungnahme. Zwar gebe es Nahrungsmittel wie Nüsse, Eier und Fisch, die besonders leicht Allergien auslösen. "Es gibt aber keinerlei überzeugende Belege dafür, dass ein Verzicht auf diese Nahrungsmittel Allergien verhindern kann." Vielmehr könne die verspätete Einführung mancher Nahrungsmittel das Allergierisiko sogar erhöhen, warnt Koletzko.

Zum Beispiel sollte auch die Einführung von Getreide, das das Klebereiweiß Gluten enthält, nicht zu spät beginnen: "Kinder sollten davon möglichst schon kleine Mengen bekommen, wenn sie noch gestillt werden, um einer Weizenallergie vorzubeugen." Eine Anti-Allergie-Diät kann auch noch andere Folgen haben. Zum einen werden den Kindern besonders gesunde Lebensmittel wie Fisch vorenthalten. "Außerdem ist ein breiter Speiseplan für die Geschmacksprägung des Kindes von großer Bedeutung", sagt Koletzko.

Während deutsche Eltern ihren Babys oft aus Angst vor Allergien tagelang dasselbe füttern, ist in Frankreich Abwechslung angesagt. Koletzko: "Die Eltern wollen selbst ja auch nicht zehn Tage lang dasselbe essen." Montag Brokkoli, Dienstag Karotten, Mittwoch Mais: Wer schon früh so ernährt wird, ist offener für Grünes und wird langfristig mehr Gemüse essen als jemand, der nur Einheitsbrei bekommt. Manche Kinder essen häufig nicht einmal mehr Karotten, sondern Pastinaken. Pastinaken? Bis vor Kurzem kannte kaum jemand mehr die weißlich-gelben Rüben, die mit Petersilie verwandt sind. Mittlerweile werden sie zu Mangelware, denn die Rüben sind als Babynahrung so beliebt, dass Firmen ihren Pastinakenbrei mit Kartoffeln verlängern, um die Nachfrage zu stillen.

Der Run auf die Rüben begann, als ihnen irgendwer plötzlich das Siegel "allergiearm" verlieh. Zugleich gerieten Karotten in den Verdacht, Allergien auszulösen. Dabei wurden Generationen von Babys mit dem orangeroten, aber schmackhaft-süßlichen Brei aufgezogen, ohne dass sie davon Ausschläge irgendwelcher Art bekamen. "Es ist ewig her, dass ich zuletzt ein Kind mit einer Karottenallergie gesehen habe", sagt Berthold Koletzko.

Nüsse frühestens zur Pensionierung

Die Panik der Eltern, die ihre Jüngsten auf Diät setzen, kommt aber nicht von ungefähr. "In der Wissenschaft hat erst jetzt ein Umdenken stattgefunden", sagt die Ernährungsspezialistin Kersting. "Man war einfach übervorsichtig. Alles, was dem Kind fremd war, wurde sicherheitshalber von ihm ferngehalten." Das galt besonders für Kinder von Allergikereltern. So hat das Dortmunder Forschungsinstitut für Kinderernährung bis vor Kurzem noch zwei Broschüren herausgegeben - zum einen "Empfehlungen für die Ernährung von Säuglingen" und zum anderen "Empfehlungen für die Ernährung von allergiegefährdeten Säuglingen".

Heute gibt es nur noch die erste Broschüre, und darin findet sich lediglich ein kleines Kapitel für die Kinder aus belasteten Familien. Auch Berthold Koletzko räumt ein: "Man hat den Leuten richtig Angst gemacht." Nüsse seien zum Beispiel so verteufelt worden, dass der Eindruck entstand, man dürfe sie frühestens nach der Pensionierung essen. "Neulich", erzählt Koletzko, "ist eine Mutter in meiner Sprechstunde in Tränen ausgebrochen, weil ihr Baby bei der Oma Fisch bekommen hat. Die Leute stehen so unter Druck. Das ist vollkommen unnötig."

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