Überfischung Her mit einem einfachen Fisch-Label

Vorpommersche Küstenfischer mit ihrem Heringsfang.

(Foto: dpa)

Wer ökologisch korrekten Fisch kaufen will, könnte genauso gut eine Doktorarbeit schreiben, so kompliziert sind die Einkaufsratgeber. Was derzeit fehlt, ist ein vernünftiges Label.

Kommentar von Marlene Weiß

Wer die Geduld für eine mittlere Doktorarbeit aufbrächte, der kommt auch an der Fischtheke gut zurecht. Zum Beispiel mit Hering. Denn der geht grundsätzlich in Ordnung, sagt Greenpeace. Es sei denn, er wurde westlich von Irland, in Südwest-Nova Scotia oder in einem anderen Gebiet auf einer langen Liste zum Auswendiglernen gefangen. Laut WWF ist immerhin die Ostsee kein Problem. Oder, halt: Waren die Fischer etwa mit Stellnetzen unterwegs?

In der nördlichen Ostsee ist das grenzwertig, also lieber nicht. Und so ist es mit fast allen Fischen. Wer auch noch weitsichtig ist und die winzigen Angaben nicht erkennen kann, wer weder Smartphone noch Fischratgeber besitzt oder es eilig hat, der muss sich deshalb an den einzigen Fisch halten, mit dem man den Umweltverbänden zufolge nichts falsch machen kann: Karpfen. Nichts gegen Karpfen blau, aber das ist recht viel verlangt.

Das MSC-Label ist so umstritten, dass es dem Kunden kaum weiterhilft

Und es müsste eigentlich nicht sein. Für viele ähnliche Fälle von unzumutbarem Rechercheaufwand wurden schließlich Label erfunden: Es gibt das Bio-Label, das Fair-Trade-Label, sogar das Spiel-gut-Label für Spielzeug. Tatsächlich gibt es auch das MSC-Label für Fisch, das sich inzwischen sehr weit verbreitet hat und die Dinge stark vereinfachen könnte. Nur ist gerade dieses Label so umstritten, dass es dem verunsicherten Kunden, der sich - zu Recht - um den Zustand der weltweiten Fischbestände sorgt, kaum weiterhilft.

Es ist ein Jammer. Denn das MSC-Label könnte besser als sein Ruf sein. Gewiss erhöht es die Chance auf halbwegs nachhaltig und umweltverträglich gefischte Ware. Aber eine Fischerei kann das Label auch bekommen, wenn die befischten Bestände dezimiert sind. Oder wenn die Schleppnetze Schwämme oder Korallen schädigen, wie es bei isländischem Rotbarsch der Fall ist. Die Firma muss für das Siegel nur etwas Forschung fördern und sich Maßnahmen zum Schutz des Meeresbodens überlegen. Das Label bleibt also ein Kompromiss. Es will für viele Unternehmen offenbleiben, da dürfen die Kriterien nicht zu streng sein.

Hochsee-Fischerei zu verbieten, bleibt eine Illusion

Dieser Besser-als-gar-nichts-Ansatz überschreitet Grenzen. Viele Bestände sind überfischt, Lebensräume bedroht, und der ungenierte Fischkonsum der reichen Länder geht auf Kosten armer Staaten. Es gibt Möglichkeiten, das zu ändern: Mit strengeren Fangquoten, besseren Kontrollen oder mehr Schutzgebieten könnten langfristig sogar wieder mehr Fische gefangen werden.

Es würde auch helfen, die Hochsee-Fischerei zu verbieten, wie es Forscher in der vergangenen Woche erneut vorgeschlagen haben. Aber so lange das alles nicht passiert, braucht es ein Label, das einigermaßen hält, was es verspricht. Das MSC-Label hätte alle Voraussetzungen dafür. Es müsste nur von "Besser als gar nichts" zu "Nicht schlechter als so" schwenken.