Überfischung Garnelen in Gefahr

Fischereibiologen warnen: Die ganzjährige Befischung der Krabben vor der niederländischen, deutschen und dänischen Küste gefährdet die Bestände der Tiere.

Von Elke Brüser

In den Sommermonaten huschen sie in den flachen Prielen an der Nordseeküste über den feinsandigen Boden oder ruhen eingegraben im Sand. Leicht übersieht man die kleinen, blassgrauen Garnelen, die dem Untergrund so gut angepasst sind.

Im Binnenland schätzen vor allem Feinschmecker die Nordseegarnele, auch Krabbe oder Granat genannt. Als Delikatesse ist sie kaum wiederzuerkennen. Schon wenn die Tiere auf dem Krabbenkutter gegart werden, nehmen sie eine rötliche Farbe an.

Ihren Panzer verlieren sie dann meist auf der Zwischenstation in Marokko. Dort werden die Fänge, die nicht direkt an der Nordseeküste auf den Tisch kommen, für die Kontinentaleuropäer gepult, wie der Fachmann sagt.

Aber wie lange noch werden sich jährlich 35.000 Tonnen Granat vor der niederländischen, deutschen und dänischen Küste fangen lassen? Die Fischer müssten ihre Aktivitäten endlich selbstverantwortlich regulieren, warnte der Fischereibiologe Thomas Neudecker vom Institut für Seefischerei in Hamburg vor kurzem vor der Europäischen Vereinigung der Krabbenfischer-Erzeugerorganisationen. Nur so könnten genügend Krabben nachwachsen.

Die Wissenschaftler haben allerdings auch ein Problem: Trotz jahrelanger Forschung ist das Wissen über die Garnelen lückenhaft geblieben. Große Schwankungen der Bestände können sie nicht schlüssig erklären.

Dass sich der Krabbenfang überhaupt noch lohnt, verdanken die Fischer wahrscheinlich einem wissenschaftlichen Irrtum: Bis in die 1970er-Jahre glaubte man, dass die Tiere ihr Geschlecht umwandeln, wenn sie etwa fünf Zentimeter lang geworden sind.

Die Annahme war, dass nur Weibchen sechs Zentimeter oder größer werden. "Das hat sich aber nicht bestätigt", sagt Thomas Neudecker, "auch wenn unter den weltweit 2000 Garnelenarten die Geschlechtsumwandlung nicht ungewöhnlich ist."

Immerhin hatte der Irrtum etwas Gutes: Die Fangmethoden wurden so verändert, dass immer weniger Garnelen unter fünf Zentimetern, die sowieso im Tierfutter landen, in den Netzen hängen blieben. Die Fischer befürchteten nämlich, die noch nicht zu Weibchen mutierten Tiere wegzufangen - und damit die nächste eierlegende Generation zu vernichten.

So haben sie zwar nach menschlichem Ermessen die Bestände geschützt. Dennoch halbierte sich in den 1980er Jahren die Zahl der großen, mit Eiern befrachteten Weibchen. Der Bestand schien bedroht zu sein (Helgoland Marine Research, Bd.62, S.339, 2008).

Nach den Gründen fahndet Thomas Neudecker. Als Fahrtleiter auf dem Forschungsschiff FFS Solea bricht er im Januar und Februar regelmäßig zu Winterfängen zwischen Ostfriesland und dem dänischen Jütland auf. Sie sollen klären, warum der Garnelenbestand oft unkalkulierbar schwankt.

Vor allem die größeren Tiere entfernten sich im Winter von der Küste und bevorzugten etwa fünf Grad kaltes Wasser in der offenen See. Die meisten leben dort in zehn bis 20 Meter Tiefe. "Aber trotz unserer Winterdaten seit 1991 ist es schwer zu prognostizieren, wie sich der Bestand im Herbst, der Hauptfangsaison, entwickelt."

Noch keine Fangquoten festgeschrieben

Auf komplizierte Weise spielen physikalische und biotische Faktoren zusammen. Ein kalter Winter zum Beispiel bedeutet meist nicht weniger, sondern mehr Granat. Die Populationen können sich gut entwickeln, wenn Fressfeinde wie Wittling und Kabeljau entweder längst das Weite gesucht haben oder der Kälte zum Opfer gefallen sind.

Von März an entlassen Garnelenweibchen, die ihre Wintereier seit November bäuchlings mit sich herumgeschleppt haben, die ersten Larven. In den warmen Monaten werden sie noch ein- oder zweimal begattet. Da dauert es oft nur drei Wochen, bis aus den Sommereiern Larven schlüpfen.

Warme Temperaturen mit günstigen Strömungen, Winden und Zuflüssen aus Elbe, Weser und Ems verbessern das Angebot an Plankton für die Garnelen und fördern das Wachstum der Larven, die dann bis zu 1,5 Zentimeter pro Monat wachsen können. Davon profitieren viele Lebewesen im Wattenmeer.

"Außer im September und Oktober sind immer eiertragende Weibchen unterwegs. Trotzdem kann es ein Fehler sein, die Garnelen ganzjährig zu befischen", warnt Neudecker. Eine Winterpause sei wichtig, damit die Tiere ihre bis zu 6000 Eier ins Meer entlassen können.

Bei der letzten Fahrt im Februar hat Neudeckers Team bereits 80 Krabbenkutter gesichtet. Im Sommer sind 500 Schiffe unterwegs. Noch hat die EU für die regionale Delikatesse keine Fangquoten festgeschrieben. Das könnte für die Nordseekrabbe gefährlich werden.