Tutenchamun Ägyptologe vermutet zweite Grabkammer

Die Grabkammer Tutenchamuns: nur ein Vorzimmer?

(Foto: AFP)

Fotografien aus Ägypten führen einen Altertumsforscher zu einer spektakulären These: Gibt es eine weitere Kammer neben dem Grab Tutenchamuns? Und ruht darin eine noch bedeutendere Persönlichkeit?

Von Paul-Anton Krüger

Am Ende könnten es nur ein paar unbedeutende Risse in einer Wand sein, ein paar Unregelmäßigkeiten in der Grabkammer des Kinder-Pharaos Tutenchamun. Doch wenn der renommierte britische Ägyptologe Nicholas Reeves recht behält, dann steht die Welt vor der größten archäologischen Sensation, seit Howard Carter im Jahr 1922 das Grab im Tal der Könige entdeckt hat. Reeves, derzeit an der University of Arizona, vermutet weitere Räume in dem Grab, das Ägyptologen mit dem Kürzel KV 62 bezeichnen. Allein das wäre ein spektakulärer Fund. Aber Reeves geht noch weiter. Er wagt die These, dass einer der seiner Ansicht nach nachträglich zugemauerten Durchgänge zum bislang nicht aufgefundenen Grab der Nofretete führt. Ihre Büste, gefunden in Tell al-Amarna, steht im Ägyptischen Museum Berlin.

Als Carter das Grab des Tutenchamun öffnete, war es als einziges im Tal der Könige unversehrt. Sollte es dahinter nun eine weitere Grabkammer geben, könnte sie unermessliche Schätze bergen. Auch sie müsste Grabräubern verborgen geblieben sein. Sie könnte wertvolle Aufschlüsse liefern über das unerklärte Ende der Amarna-Zeit, die Pharao Echnatons Regentschaft umfasst und auch jene von Semenchkare.

Die Grabkammer, nur ein Vorzimmer?

Auf die Spur brachten Reeves hochauflösende Bilder der Grabkammer. Sie wurden von der italienisch-spanischen Firma Factum Arte eingescannt, millimetergenau und in hoher Auflösung. Die Bilder dienen eigentlich dazu, die Pracht des Pharaonengrabs mit aufwendiger Projektionstechnik an die Wände einer Nachbildung zu werfen, die neben Howard Carters Haus in Theben-West errichtet worden ist. Diese soll das echte Grab von Touristenströmen entlasten. Seit der Öffnung haben wohl zehn Millionen Menschen die unterirdische Anlage besichtigt. Anfang 2014 machte die Firma die Präzisionsbilder der Forschung zugänglich, und Reeves untersuchte sie monatelang.

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Seine Schlussfolgerung: Es gibt verborgen unter den Wandmalereien sowohl hinter der westlichen als auch der nördlichen Wand der Grabkammer je einen Durchgang. Er will Linien erkannt haben, die auf diese verborgenen Räume hinweisen und die exakt zur Geometrie der bisher bekannten Kammer passen würden. Der erste Durchgang dürfte Reeves zufolge zu einem ähnlichen Lagerraum führen, wie er in der Spiegelachse auf der anderen Seite des Grabs gefunden wurde. Der zweite aber könnte der Weg zur eigentlichen Hauptperson des Grabes sein: Nofretete. Tutenchamun wäre demnach hastig im Vorraum der Grabkammer bestattet worden, den man zu diesem Zweck lediglich erweitert habe.

Könnte das sämtlichen Forschern in den mehr als 90 Jahren seit Entdeckung des Grabes entgangen sein? Reeves führt für seine These sowohl eine Analyse der Entstehungsgeschichte des Grabes an als auch eine Interpretation der dynastischen Abfolge - ein unter Ägyptologen äußerst umstrittenes Thema.

Ein Radar könnte Hohlräume hinter der Kammer zum Vorschein bringen

Zum einen ist Tutenchamuns Grab im Vergleich zu den anderen Ruhestätten im Tal der Könige auffallend klein. Die Grabbeigaben, obwohl gut erhalten, waren zum Großteil ursprünglich wohl nicht für den Kinder-Pharao hergestellt worden. Selbst die berühmte goldene Totenmaske, Prunkstück des Ägyptischen Museums in Kairo, weist durchstochene Ohren auf - was für eine Frau typisch gewesen wäre. Auch ähnelt die Anlage des Grabs eher der von Königinnen, nicht jener der männlichen Herrscher. Die Nordwand unterscheidet sich zudem in ihrer Bemalung von den anderen Wänden: Sie scheint nachträglich gestaltet worden zu sein - womöglich um den zugemauerten Zugang zum dahinterliegenden Teil der Grabkammer zu verbergen.

Reeves zitiert zur Stützung seiner These die von einer Minderheit der Ägyptologen vertretene Theorie, wonach Nofretete aufstieg von der Hauptfrau Echnatons zur Co-Regentin und später alleinigen Pharaonin - womit sie die direkte Vorgängerin ihres Stiefsohns Tutenchamun gewesen wäre. Sie wechselte demnach ihren Namen erst zu Neferneferuaten und dann zu Semenchkare; beide sind in Kartuschen dokumentiert, die ihren Träger oder ihre Trägerin als königlich ausweisen. Alle drei Namen bezeichneten nach dieser Lesart ein und dieselbe Person, eine Theorie, die Reeves bereits in der Vergangenheit vertreten hat.

Die im Grab Tutenchamuns gefundenen Beigaben seien großteils für Neferneferuaten gedacht gewesen - nach deren Aufstieg zur Alleinherrscherin aber durch neues Geschmeide ersetzt worden. Dieses, so schließt Reeves, müsse sich in der verborgenen Kammer befinden.

Manche Ägyptologen, sonst eher skeptisch, wenn angebliche Sensationsfunde ruchbar werden, halten die These zumindest für "eine faszinierende Argumentation und einen beeindruckenden ersten Schritt", wie Kent Weeks dem Economist sagte. Er ist beteiligt an einem Projekt, das die genaue Vermessung und Kartografierung des Tals der Könige betreibt. Andere Vertreter der Disziplin zeigen sich wesentlich skeptischer - allerdings ohne sich im Wortlaut zitieren zu lassen. Ein erster Schritt, um Reeves These zu prüfen, wäre eine Untersuchung der Wandabschnitte mit nichtinvasiven bildgebenden Verfahren. Ein Radar etwa würde Hohlräume hinter den Wänden zum Vorschein bringen. Dazu bräuchte es eine Genehmigung der Antikenverwaltung in Kairo. Diese hat aber jahrelang nur handverlesene Forscher in das Grab Tutenchamuns gelassen.

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