Turm im Amazonasbecken Forscher im Dschungelcamp

Brasilianische und deutsche Forscher errichten einen riesigen Turm in der Nähe des Amazonas. "Atto" wird höher sein als der Eiffelturm. Der Aufwand ist enorm, doch die Wissenschaftler erhoffen sich Großes von dem Koloss.

Von Peter Burghardt

Ungewöhnliche Bauwerke am Amazonas bekommen manchmal mythische Dimensionen, man denke an "Fitzcarraldo". In dem Film von Werner Herzog lässt ein Exzentriker in Gestalt von Klaus Kinski ein Schiff über einen Berg zerren, er will im Dschungel sein Opernhaus bauen. Das Experiment misslingt, doch im richtigen Leben gibt es bereits seit 1896 das Teatro Amazonas in Manaus und seit der Fußball-WM auch die Arena da Amazônia, die Materialien für beide wurden teilweise über Meer und Fluss aus Europa herangeschafft. Nun wächst mitten in diesem größten Naturraum der Welt ein Turm, wie er sonst nirgendwo in der Wildnis steht. 325 Meter hoch, höher als der von Eiffel in Paris.

Es ist ein Projekt der deutschen Max-Planck-Gesellschaft und des amazonischen Forschungsinstituts Inpa, sie wollen über allen Wipfeln die Lage erkunden. Vor einem Monat wurde an der abgelegenen Baustelle das Fundament gegossen, darauf soll sich bald das Amazonian Tall Tower Observatory erheben, kurz Atto. Experten werden hier die Temperatur überwachen, die Winde, Treibhausgase, Aerosolpartikel, Wolken. Die Daten sollen trotz aller Satelliten dabei helfen, den Wetterwandel besser zu verstehen. Die Messstelle sei "weitgehend ohne menschlichen Einfluss und daher ideal, um die Bedeutung des Waldgebietes auf die Chemie und Physik der Atmosphäre zu untersuchen", sagt Jürgen Kesselmeier vom Mainzer Max-Planck-Institut für Chemie bei der Grundsteinlegung.

Überwachung des größten Waldareals der Welt

Die Baustelle befindet sich ungefähr 150 Kilometer nordöstlich von Manaus, in relativer Nähe des Rio Uatumã, einem Nebenarm des Rio Amazonas, des wasserreichsten Stromes der Erde. Wer jemals bei guter Sicht über dieser Region geflogen oder mit Booten, Fahrzeugen und zu Fuß in das Dickicht vorgedrungen ist, der ahnt die Dimensionen. Seit sieben Jahren kämpfen sich die Wissenschaftler aus Brasilien und Deutschland an diesen von ihnen ausgewählten Platz, die finale Trasse schien zwischendurch immer wieder zu überwuchern wie so viele Geheimnisse im dichten Grün. Zwei 80 Meter hohe Türme stehen schon, doch Atto ist der Gipfel.

Der Stahl für die Konstruktion stammt aus der südbrasilianischen Stadt Curitiba und musste auf Lastwagen und Floß über Straßen, die Lehmtrasse Transamazônica und die Flüsse zwei Wochen lang mehr als 4000 Kilometer ans Ziel transportiert werden. Das alles geht ins Geld. Atto kostet mehr als acht Millionen Euro, 4,5 Millionen Euro steuert das Bundesministerium für Bildung und Forschung bei. Der Aufwand allerdings lohnt sich. Es geht um das größte zusammenhängende Waldareal des Planeten, das durch Holzfäller, Brandrodung, Kuhweiden, Sojaplantagen und Zuckerrohrfelder immer weiter schrumpft. Der Raubbau lässt an der einen Stelle nach und nimmt an der anderen zu. Amazonien hat als CO₂-Speicher und Süßwasserreservoir einen enormen Einfluss auf das Weltwetter und besitzt einen gigantischen Artenreichtum.

Atto werde dabei helfen, Fragen zum Klimawandel zu beantworten, berichtete Paulo Artaxo von der Universität São Paulo. Es heißt, im bedeutendsten Tropenwald stünden noch ungefähr 390 Milliarden Bäume. Aber keiner ist so hoch wie Atto, der Turm.

Atto-Projekt Hier entsteht der Turm im Amazonas