Turiner Grabtuch Auf Tuchfühlung mit Jesus

Jesus in Schwarz und Weiß: Positiv (links) und Negativ des Grabtuchs von Turin (Archivfoto).

(Foto: Reuters)

Für die einen ist es das Leichentuch Christi, in das sich das Antlitz des Gekreuzigten eingeprägt hat. Für die anderen riesiger Humbug. Ab Sonntag wird das Turiner Grabtuch ausgestellt. Was ist dran an dem Mythos?

Von Esther Widmann und Hermann Unterstöger

Was ist das Turiner Grabtuch?

Das sogenannte Turiner Grabtuch, die "Sacra Sindone", ist ein 4,42 Meter langes und 1,13 Meter breites Stück Leinen, gewebt im Fischgrätmuster. Es weist Blutspuren auf und zeigt die konturlose Vorder- und Rückansicht eines nackten männlichen Körpers, in dem man einen Gegeißelten und Gekreuzigten erkennen kann. Viele Gläubige verehren es als das Tuch, in das Jesus von Nazareth nach seiner Kreuzigung eingewickelt und begraben wurde. Die katholische Kirche enthält sich einer offiziellen Festlegung. Es ist nur in unregelmäßigen Abständen für die Öffentlichkeit zu sehen - zuletzt 2013. Jetzt ist es vom 19. April bis 24. Juni im Dom von Turin ausgestellt. In der Ausstellung wird es in einer kugelsicheren schwenkbaren Vitrine gezeigt, die 2500 Kilo wiegt.

Was ist die Geschichte des Tuches?

Der Überlieferung zufolge wurde es in den römisch-jüdischen Wirren nach Edessa gebracht, ins heutige Urfa, Türkei, wo es als nicht von Menschenhand gefertigtes Bild, als "Acheiropoieton", großes Ansehen genoss. Man zeigte, für die Zeit verständlich, nur das Antlitz der Figur. Später wurde der Schatz in den Stadtwall eingemauert, kam jedoch bei der Perserbelagerung von 531 wieder zum Vorschein. Nächste Station: Konstantinopel. Dort ist das Tuch fast ein Vierteljahrtausend bezeugt. 1204 rücken die Kreuzritter an, verwüsten die Metropole des Ostreichs und lassen bei der Gelegenheit auch das Grabtuch mitgehen. Es soll dann eine Weile im Besitz der Templer gewesen sein, denen es indessen kein Glück brachte: Der Orden nahm ein schreckliches Ende.

Zum ersten Mal schriftlich erwähnt wird das Tuch 1353 in Frankreich, von da an weiß man über sein Schicksal gut Bescheid. Es gelangt 1453 an das Haus Savoyen, das 1578 die Überstellung nach Turin veranlasst, um dem Mailänder Oberhirten Karl Borromäus eine versprochene Pilgerreise abzukürzen.1578 erreichte es Turin, wo es heute in einer Seitenkapelle des Doms in einem gasgefüllten Glaskasten aufbewahrt wird. Größere Bekanntheit erlangte das Tuch durch eine erste Fotografie im Jahr 1898, deren Negativ ein sehr viel deutlicheres Bild des Körpers zeigte.

Insgesamt drei Brände musste das Tuch verkraften. Vom ersten gibt es Spuren, aber keine näheren Informationen. Der zweite ereignete sich 1532 in Chambéry, wobei glühende Metalltropfen vom Gehäuse ins Gewebe drangen und durchbrannten; den Lösch- und Reparaturarbeiten verdankt man die befremdliche Längsmusterung des Linnens. Beim dritten Brand am 12. April 1997 ging die Heilig-Tuch-Kapelle in Flammen auf. Das Tuch wurde gerettet, weil der Feuerwehrmann Mario Trematore in letzter Minute das schützende Panzerglas zertrümmerte. Ein Kenner sagt, dass das Tuch aus Baugründen längst in den Dom ausgelagert gewesen sei, so dass Trematores Heldentat, was ihre Authentizität angeht, das Schicksal des Tuches teile. Sie ist also ebenso fragwürdig.

2002 wurde das Tuch restauriert.

Ist das Turiner Grabtuch Original oder Fälschung?

Obwohl das Turiner Tuch mit einem wissenschaftlichen Aufwand ohnegleichen untersucht wurde, ist seine Echtheit nie bewiesen worden. Auch kirchliche Autoritäten waren sich uneins. 1389 beschwerte sich der Bischof von Troyes, Pierre d'Arcis, bei Papst Clemens VII. darüber, dass man in der Kirche in Lirey "fälschlich und betrügerisch, in verzehrender Habgier und nicht aus dem Motiv der Hingabe, sondern nur aus Gewinnabsicht für die dortige Kirche ein listig gemaltes bestimmtes Tuch angeschafft" habe. Ein paar Jahrzehnte später attestierte Francesco della Rovere, nachmals Papst Sixtus IV., dem Tuch, dass es "gefärbt mit dem Blut Jesu" sei. Und Papst Gregor XIII. erteilte 1582 all denen einen vollkommenen Ablass, die nach Beichte, Buße und Eucharistie vor dem Grabtuch andächtig zu Gott beteten.

Wenn es sich tatsächlich um das Grabtuch Jesu handeln sollte, müsste der Stoff mindestens um die 2000 Jahre alt sein. Stoffe können sich in der Regel nur dann über zwei Jahrtausende erhalten, wenn sie unter Luftabschluss in sehr trockener, sehr kalter oder sehr nasser Umgebung liegen.

Im Jahr 1988 wurde unter Aufsicht von Experten ein wenige Zentimeter großes Stück des Tuches abgeschnitten und je ein Teil des Streifens an drei Labore gegeben, die das Alter des Leinenfadens durch Radiokarbondatierung (C14) bestimmten. Alle drei Labore ermittelten unabhängig voneinander eine Entstehung zwischen 1260 und 1390 nach Christus. Zwar gibt es immer wieder Theorien, die Proben könnten durch die Reparaturen oder die Brände kontaminiert oder das Datum verfälscht worden sein. Aus wissenschaftlicher Sicht gibt es an diesem Ergebnis aber keinen Zweifel - und zur ersten schriftlichen Erwähnung im Jahr 1353 passt es auch.

Wie kam das Bild auf das Tuch?

Vor allem für die Frage, wie das Bild auf das Tuch kam, gibt es unterschiedlichste Erklärungsversuche.

Diejenigen, die den Stoff für das tatsächliche Leichentuch Christi halten, schlagen entweder einen Abdruck durch Verfärbung oder eine Art fotografisches Negativ vor, ausgelöst durch physische Prozesse. Während manche Menschen an eine Art Lichtblitz bei der Auferstehung glauben, versuchten italienische Wissenschaftler im Jahr 2014, sowohl die Entstehung des Bildes als auch die C14-Ergebnisse durch bei einem Erdbeben im Jahr 33 freigesetzte Neutronen zu erklären. Allerdings spricht die völlig unverzerrte frontale Darstellung des Körpers dagegen, dass sich das Abbild eines in das Tuch gewickelten Menschen auf dem Stoff eingeprägt haben könnte.

Es gibt auch immer wieder die Vermutung - und auch einige wissenschaftliche Hinweise -, dass das Bild doch aufgemalt sein könnte. Zuletzt legte der Historiker Charles Freeman in einem Artikel in History Today Argumente dar, die für ein bemaltes und stark gealtertes Leinentuch aus dem 14. Jahrhundert sprechen - vielleicht sogar, so mutmaßt Freeman, aus Deutschland.

Darf man das Tuch verehren oder nicht?

Das kann jeder halten, wie er will. Die katholische Kirche stuft das Tuch nicht als Reliquie ein, sondern als Ikone. Es kann demnach, bei einem gewissen Aufwand an Gläubigkeit und Frömmigkeit, als existenzielle Verbindung zwischen dem Betrachter und Gott verstanden werden. Das passende Wort dazu stammt von Johannes Paul II.: "Die geheimnisvolle Faszination des Grabtuches wirft Fragen über die Beziehung dieses geweihten Leinens zum historischen Leben Jesu auf. Da das aber keine Glaubensangelegenheit ist, hat die Kirche keine besondere Befugnis, zu diesen Fragen Stellung zu beziehen."