Zika-Virus Wo Frauen nicht schwanger werden sollen

In der Stadt Soyapango, El Salvador, setzen die Behörden Pestizide gegen Mücken ein, die das Zika-Virus übertragen.

(Foto: Oscar Rivera/dpa)

In mehreren lateinamerikanischen Ländern wird Frauen geraten, vorerst keine Kinder zu bekommen. Grund ist eine Häufung von Fehlbildungen, gegen die es kein zuverlässiges Mittel gibt.

Von Berit Uhlmann

War es die Chemiefabrik in der Nähe? Verschmutztes Wasser? Die Impfung gegen Röteln? Oder hat es mit streunenden Hunden zu tun, wie in den sozialen Netzwerken zu lesen war? Die verschiedensten Gerüchte kamen auf, nachdem im Nordosten Brasiliens immer mehr Babys mit Fehlbildungen geboren wurden.

Die Stirn flach, die Köpfchen kaum größer als eine Apfelsine, manchmal saß die Haut wie eine zu große Mütze darauf. Viele der Kleinen zitterten, krampften oder waren extrem unruhig. Ärzte mussten Frauen im Wochenbett offenbaren, dass höchstwahrscheinlich auch die Gehirne ihrer Töchter und Söhne unterentwickelt seien. Langfristig könnten Koordinationsstörungen, Krampfanfälle, geistige Einschränkungen, wenn nicht massive Behinderungen drohen.

Wissenschaftler vermuten einen Zusammenhang mit dem Zika-Virus

Mikrozephalie heißt die Entwicklungsstörung. Dass sie sich häufte, fiel brasilianischen Ärzten erst im Oktober 2015 auf. Einen Monat später legten die Behörden des Bundesstaates Pernambuco erste Zahlen vor: 141 Mikrozephalie-Babys hatten sie erfasst, normal sind zehn Fälle pro Jahr in dieser Region. Niemand hatte eine solche Häufung bisher gesehen. Niemand wusste, was man dagegen tun könnte. Angst und Misstrauen erfassten das Land. "So muss es in Europa während der Pest gewesen sein", beschreibt Laura Rodrigues die Stimmung in ihrer Heimat. Rodrigues ist Epidemiologin an der London School of Hygiene and Tropical Medicine und wurde nach Brasilien gerufen, um bei der Untersuchung der Mikrozephalie-Fälle zu helfen.

Was über das Zika-Virus bekannt ist

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Wissenschaftler vermuteten bald, die Entwicklung könnte im Zusammenhang mit einem anderen Novum im Land stehen: Im Mai war erstmals das Zika-Virus aufgetaucht. Seither verdichtet sich der Verdacht, dass dieser Erreger die Fehlbildungen ausgelöst. Am vergangenen Freitag veröffentlichte die US-amerikanische Seuchenschutzbehörde CDC vorläufige Untersuchungsergebnisse der ersten 35 brasilianischen Babys, die seit des Zika-Ausbruchs mit Mikrozephalie auf die Welt gekommen sind. Alle Mütter der betroffenen Kinder hatten sich während der Schwangerschaft in einem Zika-Gebiet aufgehalten. Drei Viertel der Frauen erinnerten sich an Symptome einer möglichen Zika-Infektion während dieser Zeit. In Proben vom Hirnwasser der Babys wurden viele anderer Erreger ausgeschlossen. Die Tests auf das Virus dauern noch an.

Andere Wissenschaftler haben in bislang in 14 Fällen den Zika-Erreger im Fruchtwasser, der Plazenta oder in Gewebeproben betroffener Kinder nachgewiesen. "Ein Zusammenhang zwischen dem Virus und der Häufung von Mikrozephalie-Fällen ist sehr wahrscheinlich", sagt der Virologe Jonas Schmidt-Chanasit vom Bernhard-Nocht-Institut für Tropenmedizin.

Leicht zu verwechseln: Juckreiz, Ausschlag, Fieber - Zeichen einer Infektion

Das durch Mücken übertragene Virus erschien bislang zwar lästig zu sein, aber kaum gefährlich. Etwa 80 Prozent der Infizierten spüren keine Symptome, die anderen leiden einige Tage lang an Hautausschlag, Juckreiz, Bindehautentzündungen, manchmal auch Fieber. Der Erreger stand unter Verdacht, in seltenen Fällen das mit Lähmungen einhergehende Guillain-Barrè-Syndrom auslösen zu können. Doch alles in allem bereitete das Virus kaum einem Experten ernsthafte Sorgen. Als das Fachmagazin Nature im vergangenen November eine Einschätzung der wichtigsten Erreger, die das Nervensystem schädigen können, vorlegte, stand Zika nicht auf der Liste. Warum sich diese schweren Effekte erst jetzt, mehr als ein halbes Jahrhundert nach der Entdeckung des Erregers zeigen, wirft die Frage auf, ob er vielleicht gefährlicher geworden ist.

Dafür gibt es bislang jedoch keinen Hinweis. "Es sieht nicht so aus, als ob sich der Erreger verändert hat", sagt Schmidt-Chanasit. In dem riesigen Land Brasilien hat das Virus allerdings erstmals die Möglichkeit, so viele Menschen zu befallen dass auch selteneren Komplikationen einer Infektion deutlich sichtbar werden. Auf bis zu 1,3 Millionen wird die Zahl der Infizierten in Brasilien bislang geschätzt.