SZ: Das eine Gefäß ist leer, das andere dagegen ist offenbar noch nicht ausreichend freigelegt, um seinen Inhalt untersuchen zu können.

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Pernicka: So ist es. Der große Topf war mit Steinen bedeckt, die ihn oben eingedrückt haben. Dieser Befund ist noch nicht ganz klar. Aber es gibt zwei Möglichkeiten: Entweder ist es ein Vorratsgefäß oder auch eine Urne.

SZ: Eine größere Unterstadt des bronzezeitlichen Troja - was hat das für historische Implikationen?

Pernicka: Damit ist noch besser als zuvor belegt, dass wir am richtigen Ort graben. Wir kennen ja aus Dokumenten des Hethiterreiches eine Stadt und/oder ein Land namens Wilusa, das mit dem griechischen Ilios (Wilios) gleichzusetzen ist. Das ist der Schauplatz der "Ilias" Homers. Wilusa ist in Nordwestanatolien anzusiedeln. Es gibt aber keinen Ort in dieser Region in dieser Größe, der stattdessen das "wahre" Troja sein könnte; die nächstgrößere bronzezeitliche Ansiedlung ist um den Faktor 10 kleiner. Dazu passen auch die topographischen Beschreibungen in der "Ilias".

SZ: Es war eine große, reiche Stadt?

Pernicka: Sonst wäre der Ort nicht so stark befestigt gewesen.

SZ: Könnte man auch nach Ihren Ausgrabungen noch annehmen, dass der Graben der Unterstadt doch einen anderen Zweck hatte als die Verteidigung?

Pernicka: Der Graben ist ein enormes Bauwerk: im Schnitt 4 Meter breit und 2Meter tief. Wir vermuten, dass der Aushub daneben zu einem Wall aufgehäuft war. Das ist ein beachtliches Bollwerk gegen Angreifer - unüberwindliches Hindernis für den Streitwagen, den Panzer der Bronzezeit. Für eine Abwasserrinne ist der Graben zu breit, zudem war er, wie wir jetzt wissen, mindestens dreimal unterbrochen. Und er hat ein Gefälle, mal hoch, mal runter - für eine Abflussrinne auch nicht gerade praktisch.

SZ: Es geht hier ja nicht um eine griechische Stadt, sondern um eine anatolische, die vielleicht mit den Hethitern verbunden war. Das Interesse daran aber ist so groß, weil im griechischen Mythos ein großer Angriff auf diese Stadt unternommen wird. Wie interessant wäre Troja historisch, wenn es keine Trojanische Sage gäbe, keinen Homer, keine "Ilias"?

Pernicka: Mein Vorgänger Manfred Korfmann hat immer mit Recht gesagt: Zunächst brauchen wir Homers "Ilias" nicht. Troja ist eine wichtiger und interessanter Fundort für die gesamte Bronzezeit. Was hier an diesem exponierten Ort gefunden wird, ist Referenzmaterial für die ganze Nord-Ägäis.

SZ: Aber mit "Ilias" ist es noch interessanter?

Pernicka: Natürlich, denn es ist interessant, darüber nachzudenken, was das wohl für Kämpfe zwischen Ost und West waren, die sich vielleicht im Homertext spiegelt: eine Auseinandersetzung, die sich immer mehr erhellt, nicht so sehr aus der Archäologie, sondern aus hethitischen Textquellen. Daraus wird klar, dass Troja/Wilusa, wie andere kleinere Fürstentümer an der kleinasiatischen Westküste, wohl als Vasallenstaat vom Hethiterreich abhängig war.

SZ: Jetzt haben Sie gerade neue Funde gemacht - stimmt es, dass die Grabungen trotzdem in den nächsten Jahren eingestellt werden?

Pernicka: Nein, die Forschung in Troja kann durchaus weitergehen; meine Grabungslizenz, die ich bei der türkischen Antikenverwaltung jedes Jahr beantrage, kann auch immer wieder erneuert werden. Das andere ist, dass man für diese Forschungen Geld und Mitarbeiter braucht - und diese Mittel der Deutschen Forschungsgemeinschaft gehen bald zu Ende. Entweder wir erarbeiten uns neue Fragestellungen und erreichen so eine weitere DFG-Finanzierung - oder wir finden andere Geldgeber.

SZ: Es soll auch ein Museum in Troja entstehen?

Pernicka: Die Ausgrabungen haben ein enormes Publikumsinteresse geweckt. Die Zahl der jährlichen Besucher ist auf eine halbe Million angestiegen. Da aber in Troja, anders als in Ephesos oder Pergamon, keine Gebäude zu sehen sind, nur Grundmauern, ist hier die anschauliche Visualisierung im Museum, in dem wir unsere Funde zeigen und erklären wollen, besonders wichtig. Wir sind da auf einem guten Weg, der türkische Kulturminister hat uns kürzlich besucht und zugesagt, der Bau eines Museums in Troja stehe ganz oben auf seiner Agenda.

SZ: Sie kommen ja persönlich eher aus der naturwissenschaftlichen Richtung der Archäologie. Stört es Sie, dass der Mythos immer wieder das objektive Material zu überlagern droht?

Pernicka: Ach, nein. Natürlich erscheint es mir bei der Arbeit eher nützlich, dass ich nicht mit abendländisch-humanistischem Bildungspathos an die Sache herangehe. Aber es ja auch nicht ganz abwegig, im späteren Mythos - wenn auch noch so märchenhaft verformte - Reaktionen auf historisches Geschehen zu sehen. Es ist nicht unwahrscheinlich, dass es Kämpfe um die Beherrschung der anatolischen Westküste gegeben hat, an denen die Achäer (Griechen) aus dem Westen beteiligt waren, die "Wikinger der Bronzezeit". Homer, für den Troja sozusagen ein Erinnerungsort war, kann uns nicht die Geschichte des Mittelmeerraums im 15. bis 12. Jahrhundert vor Christus erklären. Aber er muss sie uns auch nicht verstellen.

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(SZ vom 25.8.2008/beu)