Traumata Schmerz, der nie endet

Nach Attentaten und Kriegserlebnissen leiden viele Menschen unter einer posttraumatischen Belastungsstörung. Die meisten neigen zu Ängstlichkeit, manche auch zu Gewalt.

Von Werner Bartens

Filme über traumatisierte Kriegsheimkehrer bilden fast ein eigenes Genre, so dominant sind sie in der westlichen Populärkultur. "Die durch die Hölle gehen" mit Robert de Niro zeigt drei Vietnam-Kämpfer, die nach dem Krieg nicht mehr in ihren Alltag zurückfinden. Der ebenfalls von Robert de Niro verkörperte Travis Bickle in "Taxi Driver", ein von Gewaltobsessionen verfolgter Außenseiter, gibt auch an, in Vietnam gewesen zu sein. John Rambo ist ebenfalls ein wortkarger Vietnam-Veteran, geprägt von Tod und Verwüstung.

Nach ihrer Heimkehr aus dem Irak haben zehn Infanteristen Grausamkeiten begangen. Hier ein Szenenbild aus dem Film "US-Soldaten in Irak".

(Foto: Foto: dpa)

Die Handlungen dieser Filme verblassen fast gegen die Gewalttaten, die Mitglieder einer Einheit in Fort Carson, Colorado, verübt haben sollen. Zehn Infanteristen sind angeklagt, seit 2005 in dem US-Staat Mord, Vergewaltigung und andere Grausamkeiten begangen zu haben. Sie alle waren in Irak im Einsatz und haben dort mehr Angriffe, Todesfälle und Verwundungen von Kameraden erlebt als andere US-Einheiten. Einige der Angeklagten erklären ihre Gräueltaten damit, dass sie an einer posttraumatischen Belastungsstörung (PTBS) leiden.

"Exzessive Gewalt ist nicht das typische Verhalten nach furchtbaren Erlebnissen", sagt Martin Sack, Vorsitzender der Deutschsprachigen Gesellschaft für Psychotraumatologie. "Hier muss noch eine weitere Vorbelastung hinzugekommen sein, etwa die eigene Erfahrung von Missbrauch und Misshandlung in der Familie."

Schlafprobleme kein Anlass zur Besorgnis

Nach psychisch belastenden Einsätzen bei Unfällen, Bränden oder anderen Katastrophen entwickeln ein bis drei Prozent der beteiligten Helfer eine posttraumatische Belastungsstörung. Unter Soldaten, die Furchtbares im Krieg erlebt haben, sind 15 bis 20 Prozent betroffen. Der Anteil kann noch größer sein, je nachdem, wie stark das Trauma war.

In den ersten Tagen und wenigen Wochen nach einem schrecklichen Ereignis unruhig und reizbar zu sein und Schlafprobleme zu haben, ist aus Sicht von Traumaexperten kein Anlass zur Besorgnis. Verschwinden die Albträume jedoch nach vier bis sechs Wochen nicht, sprechen Ärzte und Psychologen von einer PTBS. Sie ist dadurch charakterisiert, dass auch Wochen später immer wieder quälende Erinnerungen aufkommen, Betroffene unruhig sind und bestimmte Orte, Gedanken oder Gefühle vermeiden.

Von Leah Wizelman, einer Doktorandin von Martin Sack, erscheint im September das Buch "Wenn der Krieg nicht endet". Darin schildert sie beispielweise, dass ein traumatisierter Soldat sich im Garten einen Schützengraben gebaut und alles vergittert hat.

Ohnmachtsgefühl aggressiv überkompensieren

"Angst, Abstumpfen und Abschalten sind typische Verhalten nach schlimmen Erlebnissen", sagt Peter Henningsen, Chef der Psychosomatik an der TU München. Wer wie Soldaten gewohnt sei, Gewalt anzuwenden, könne aber mit der Abstumpfung auch letzte Hemmungen verlieren und das einst erlebte Ohnmachtsgefühl aggressiv überkompensieren. Dass Opfer zu Tätern werden, sei von vielen Kriminaldelikten bekannt.

Während es über US-Veteranen Bücher und Filme gibt, ist über das Schicksal deutscher Veteranen wenig bekannt. "Es gibt viele Einzelberichte über familiäre Gewalt", sagt Martin Sack. In einem Kinderheim sind Pater und Nonnen, die Furchtbares erlebt hatten, in den Jahren nach dem Krieg gewalttätig geworden. "Die Folgen der Verrohung durch den Krieg sind in Deutschland kaum an die Öffentlichkeit gelangt", sagt Sack.

Offenbar vergeblich auf der Suche nach Hilfe

Manche Soldaten in Colorado geben an, vergeblich Hilfe gesucht zu haben. "Die Diskriminierung von Soldaten mit PTBS und ihre Abstempelung als Feiglinge und Verräter reicht mindestens bis zum Ersten Weltkrieg zurück", schreibt Leah Wizelman. "Befreiung vom Kampf aufgrund dieser Störung galt als unehrenhaft."

Viele Opfer von Gewalt müssen erst lernen, dass es kein Zeichen von Schwäche ist, sich helfen zu lassen. Die US Army hilft und hat Traumaexperten im Irak - auch weil es enorme Kosten verursacht, wenn Soldaten nicht einsatzfähig sind. Militärs diskutieren bereits, Beruhigungsmittel zu verteilen oder quälende Erinnerungen mit Elektroschocks auszulöschen. Für Martin Sack ist das ein "unethisches Verfahren", das nicht das Wohlergehen des Einzelnen im Blick hat.